skate-aid - Wir machen Kinder stark!


Gedanken zur pädagogischen Wirkung des Skateboardings und zur Arbeit der Titus Dittmann Stiftung
von skate-aid Gründer Titus Dittmann


Aber wieso und warum?

Skateboarding ist der einzige Sport, in dem Kinder fast immer besser sind als Eltern und Lehrer
Das macht Kinder stark!

Skateboarding ist Selbstbestimmung pur. Hier treffen Kinder selbst alle Entscheidungen:
Wann? Wo? Welcher Trick? Mit wem?
Das macht Kinder stark!

Skateboarding ist mehr als Sport. Es ist bewegungsorientierte Jugendkultur und ästhetische
Gesinnungsgenossenschaft. Es hat mit Wertesystem und Haltung zu tun.
Das macht Kinder stark!

Skateboarding ist einer der wenigen verbliebenen Freiräume, in denen Kinder
Selbstsozialisation erleben.
Das macht Kinder stark!

Grundsätzlich ist „Menschwerdung“ ein Mix aus Fremdsozialisation und Selbstsozialisation.
Es kommt auf die Balance des „Sozialisations-Mixes“ an, und die ist in unserer westlichen
Gesellschaft nicht mehr ausgewogen, d.h. für viele Kinder hauptsächlich fremdbestimmt.
Schule geht inzwischen bis nachmittags oder abends. Freiräume für selbstbestimmtes Tun
sind knapper geworden und werden noch weiter reduziert durch gut gemeinte
Förderbemühungen vieler Eltern. Verstärkt wird dies durch folgende Entwicklung: Immer
mehr vorhandene Zeit der Eltern trifft auf immer weniger Kinder pro Familie. Die Folge:
Immer mehr „Elterntaxen“ bringen Kinder von Verein zu Verein und von Förderkurs zu
Förderkurs. Selbst der kleine tägliche Freiraum des Schulweges wird vielen Kindern
genommen. Vorschulkindern geht es oft nicht besser. Auch sie erleben inzwischen
überwiegend Fremdbestimmung, weil auch gut gemeinte Förderung die selbstbestimmten
Freiräume der Kinder immer mehr verdrängt. Wir alle kennen den Begriff „work-life-balance“
und meinen damit die Ausgewogenheit von fremdbestimmten Tun (work) und
selbstbestimmtes Tun in Freiräumen (life).

Übertriebene Fürsorge nimmt Kindern die „work-life-balance“.
Denn wenn Erwachsene mit pädagogischen Zielen auf Kinder aktiv einwirken, ist das
Fremdbestimmung und damit „Work“ für die Kinder.

Durch fehlende Freiräume für selbstbestimmtes Tun nimmt man Kindern aber die
Möglichkeit, frühzeitig Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und damit die Chance,
frühzeitig die wichtigen und notwendige Fähigkeiten und Eigenschaften für das Leben zu
lernen, die sich nicht fremdbestimmt vermitteln lassen.

Skateboarding ist selbstbestimmtes Tun und Freiraum.
Das macht Kinder stark!

Wichtige Fähigkeiten und Eigenschaften für ein selbstbestimmtes und zufriedenes Leben
sind:

  • Willensstärke

  • Leistungsbereitschaft

  • Leidensfähigkeit

  • Selbstdisziplin

  • Biss

  • Selbstverantwortung

  • Zielstrebigkeit

  • Standfestigkeit

  • Kreativität

All dies lässt sich unter dem Begriff intrinsische Motivation subsummieren. Intrinsische
Motivation ist für mich die wichtigste Fähigkeit, die man nicht in der Schule oder
fremdbestimmt lernen kann. Das muss man selbst erlebt haben, um sie dann dauerhaft zu
besitzen.

Intrinsische Motivation ist auch mehr als „Bock und Spaß“. Es ist das Bedürfnis und die
Fähigkeit, mit Begeisterung ein selbstgestecktes Ziel erreichen zu wollen. Menschen – und
gerade Kinder – sind imstande, Unglaubliches zu leisten, wenn sie motiviert sind. Die
stärkste Form der Motivation entsteht nicht durch äußeren Ansporn oder äußeren Druck,
sondern kommt von innen, aus uns selbst. Ich sage dazu gerne:

„Das Herz muss brennen!“

Intrinsische Motivation lässt vieles zum Kinderspiel werden, was in der Schule zur Qual
mutieren kann. Skateboarding funktioniert mit intrinsischer Motivation. Die Begeisterung für das
Skateboarden bringt diese intrinsische Motivation einfach automatisch mit.


Lernen muss nicht „Scheiße“ sein! Lasst die Kinder frei!

Skateboarding hat auch mit Flow zu tun und im Flow findet unbewusst „Tiefes Lernen“ statt!
Tiefes Lernen in selbstbestimmten Räumen ist das, was uns nebenher wichtige Dinge lernen
lässt. Dinge, die unseren Charakter prägen und unsere Willensstärke formen. Aber es
ist noch viel mehr:
Denn all die Fähigkeiten, die wir im selbstbestimmten Lernen erwerben, bringen einen
faszinierenden Prozess in Gang („Positivspirale“), in dem wissenschaftliche Erkenntnisse der
Pädagogik wie Selbstkonzept, Selbstwirksamkeit und Selbstwirksamkeitserwartung eine
große Rolle spielen. Dieser Prozess beruht auf dem Wissen des Menschen um seine
persönlichen Eigenschaften, Fähigkeiten, Vorlieben, Gefühle und Verhalten und seiner
Überzeugung, damit bestimmte Handlungen zu organisieren und auszuführen, um
spezifische Ziele zu erreichen. Wir kennen alle die Begriffe Selbstbewusstsein,
Selbstvertrauen, sich etwas zutrauen usw., die ähnliches beschreiben.

Und so funktioniert Lernen mit intrinsischer Motivation:
Weil wir etwas wollen, weil wir ein Ziel haben, das uns wirklich wichtig ist, strengen wir uns
an, aus freiem Willen. Deshalb halten wir Rückschläge aus und überwinden innere und
äußere Hürden. Weil unser Ziel so wichtig ist und wir fest an das Erreichen glauben, ist das
Aufgeben schlimmer ist als das Durchhalten und wir erreichen es irgendwann – und der
Stolz, den wir dann fühlen, die Bestätigung und Anerkennung, die wir (und Andere) uns dann
geben, ist mit Geld nicht zu bezahlen. Das ist die erste Runde dieser positiven Spirale!

Noch kostbarer ist allerdings, was jetzt kommt, die zweite (und dritte, vierte) Runde dieser
Positivspirale: Wir haben Selbstvertrauen gewonnen und damit verbessert sich das
Selbstkonzept. Das Selbstkonzept ist unser inneres Bild von uns selbst, unsere Vorstellung
davon, wer wir sind, was wir draufhaben, wie stark wir sind, was wir schaffen können.

Mit dem gerade hart errungenen Erfolg im Gepäck wird uns bewusst: „Ich kann ja was! Da geht noch mehr! Ich krieg auch schwierige Sachen hin! Mich kriegt so schnell nichts und niemand
klein!“. Das ist das neue, erhöhte Selbstwertgefühl und das hat eine ganz direkte Folge: Ich
traue mir mehr zu als vorher, setze mir ein höheres Ziel - ich bin geradezu hungrig auf die
nächste Runde, das nächste Ziel, denn: „Wenn ich das geschafft habe, dann schaffe ich das
nächste auch!“

Selbstvertrauen ist ein ungemein mächtiger Motor. Das meint „Positivspirale“. Höchste Zeit,
dass wir das Glas Wasser halb voll und nicht halb leer sehen. Zu gerne reden wir von
Schicksalen, die sich aus „Negativspiralen“ oder „Teufelskreisen“ ergeben, und vergessen,
dass dieser Mechanismus auch nach oben funktioniert.

Die beste Positivspirale, die ich kenne? Skateboarden! Das macht Kinder stark!

Dass Skateboarden Kinder motorisch unfassbar schnell weiterentwickelt, hat sich inzwischen
rumgesprochen. Das liegt am selbstbestimmten Lernen.

Wobei für mich das Lernen am Modell, wie es die Pädagogen nennen, ebenfalls noch zum
selbstbestimmten Lernen gehört. Lernen am Modell ist eine übliche Lernpraxis im
Skateboarden und sieht so aus: Wenn ein Skateboarder einen Trick versucht, aber nicht
schafft und merkt, dass ein anderer Skateboarder diesen Trick schon gut draufhat, dann
beobachtet er einfach den anderen Skater, verinnerlicht den Bewegungsablauf und versucht
es dann selbst wieder. Er benutzt den anderen Skateboarder einfach nur als Modell und
schaut sich den Trick ab oder er geht bewusst zu einem Skateboarder, der es drauf hat, und
fragt, ob er den Trick mal vorführen und erklären kann. In beiden Fällen geht der Wunsch
des Lernens aber selbstbestimmt vom „Schüler“ aus und nicht fremdbestimmt vom „Lehrer“!
Das ist entscheidend beim selbstbestimmten „Tiefen Lernen“ durch intrinsische Motivation.

Dass Skateboarden Kinder auch kognitiv positiv beeinfluss, ist für viele neu. Ich zitiere in
diesem Zusammenhang gerne Prof. Gerald Hüther: „Begeisterung ist Dünger fürs Gehirn“
und ergänze: „Skateboarden ist Begeisterung pur!“ Daraus folgt: „Skateboarden ist Dünger
fürs Gehirn!“.

Dass Skateboarding aber auch Sozialkompetenz lernen lässt, obwohl es kein
Mannschaftssport ist, erstaunt viele: Aber wie lernt ein Kind Sozialkompetenz? Hier nur ein
Beispiel:
Wenn ein Skateboarder alleine zu Hause sitzt und aus eigenem Impuls intensiv darüber
nachdenkt, wie er sich selbst verhalten muss, damit die coole Gang am Skateboard-Spot ihn
akzeptiert und er Teil dieser Posse (Gruppe) wird. Das entwickelt Sozialkompetenz!
Skateboarding kann so viel, weil es selbstbestimmt ist und fast ausschließlich in Freiräumen
ohne fremdbestimmende Vorgaben von Erwachsenen praktiziert wird.

Mein Lieblingsbeispiel:
Was lernt ein Kind wenn es Tag für Tag sehnsüchtig vor dem wunderbar glatten Granitbelag
des Vorplatzes eines Bankhauses steht, einem Vorplatz mit verspielten Treppenstufen,
passenden Handläufen, zierlichen Mäuerchen, perfekten Banks (Schrägen) und vielleicht
sogar der passenden Transition, die man als Miniramp nutzen kann. Sehnsüchtig, weil ein
Skatepark nicht perfekter gebaut sein kann und sehnsüchtig, weil ein Hausmeister über
dieses Paradies wacht. Ein Hausmeister, der alles gibt, diesen Platz zur Rettung des rechten
Winkels der Treppenstufenkanten Skateboarder-frei zu halten.

Allein das tägliche Antreten zeigt Zielstrebigkeit und Leistungsbereitschaft. Die tägliche
Ideensuche wie der Hausmeister überlistet oder abgelenkt werden kann, hat einen hohen
Kreativitätsanspruch. Natürlich führt das zu fester Willensbildung!

Aber das ist noch lange nicht alles. Denn sein Ziel ist ja nicht die Überlistung des
Hausmeisters, sondern an einer selbstbestimmten Stelle des Treppengeländers eine
selbstbestimmte Trickvariante zu lernen oder zumindest einen gekonnten Trick an einem
neuem Hindernis zu stehen. Dabei lernt ein Skateboarder noch etwas ganz Wichtiges für
sein zukünftiges Leben. Er lernt sich voll und ganz auf seine Aufgabe zu konzentrieren und
den Hausmeister auszublenden. Er lernt unter höchstem Stress, Leistung zu bringen. Das
geht nur mit Fokussierung.

Meist kommt dann doch der Hausmeister irgendwann um die Ecke und macht ein riesiges
Fass auf. Das berührt den Skateboarder zum Ärger des Hausmeisters sehr wenig, da er sich
ja vorher schon selbstverantwortliche Gedanken über die möglichen Konsequenzen gemacht
und sich entschieden hat, sie zu tragen. Ja, das hat etwas mit Leidensfähigkeit,
Standfestigkeit und Konsequenzen tragen zu tun. Gelerntes, was im späteren Leben von
Bedeutung sein kann.

Und eins lernt der Skateboarder nicht nur hier, sondern schon vom ersten Tag an: Nach dem
Hinfallen kommt das Schmerzwegdrücken, das Blutwegwischen, das Wiederaufstehen und
das Neuversuchen und zwar so lange bis der Trick steht! Damit haben wir den Rest der
verlorenen Eigenschaften komplett im Lernprozess: Biss, Selbstdisziplin, Leidensfähigkeit,
Standfestigkeit und Ausdauer. Und ohne intrinsische Motivation würde nichts von all dem
laufen.

Kein Wunder, dass Yvonne Bemerburg bei ihren wissenschaftlichen Recherchen zur
Erforschung von Jugendszenen an der Uni Dortmund die bewegungsorientierte Jugendkultur
Skateboarding als Synthese aus Leistungsbereitschaft, Kreativitätsanspruch und fester
Willensbildung definiert hat.

Skateboarding ist Selbstbestimmung pur und kann das alles leisten.

Der Skateboarder setzt sich selbst ein Ziel, z.B. den nächsten Trick, den er lernen will. Er übt
ohne Fremdeinfluss so lange, bis er sein Ziel erreicht hat. Das Erreichen eines selbst
gesteckten Ziels lässt im Belohnungszentrum des Skaters Dopamin ausschütten, was ein
Glücksgefühl hervorruft und das Selbstkonzept des Skateboarders positiv verändert. So
einfach, begeisternd und mühelos kann Lernen sein, wenn es intrinsisch motiviert und
selbstbestimmt stattfindet.

Konfuzius muss schon mal auf dem Skateboard gestanden haben. Woher sonst soll diese
Erkenntnis kommen:

  • Sag es mir und ich werde es vergessen

  • Zeig es mir und ich werde es vielleicht behalten

  • Lass es mich tun und ich werde es können

Damit meint er, dass grundsätzlich das intrinsisch motivierte Üben und Probieren die
höchsten Lerneffekte hat.

Und deshalb behauptet skate-aid mit Recht:

„Wir machen Kinder stark!“