Blog zum Libanon Projekt

Dienstag 1.09.2015

Insgesamt drei Meetings, das interessanteste davon findet in einem Settlement für Palästinenser statt, in dem auch 3.000 syrische Familien Platz gefunden haben. Früher lebten hier 20.000 Leute, seit dem Krieg sind es 44.000 und es kommen immer mehr. Da man nicht in der Breite anbauen kann, baut man in die Höhe, Stockwerk für Stockwerk -  „in god we trust“ ist der Kommentar zu der Frage, wie lange das gut geht.  Hier hat sich eine kleine Gruppe von syrischen Flüchtlingen zusammengetan, um selber Hilfe zu leisten (medizinische Versorgung, Bildung, Nähkurse …). Es gibt eine Schule, aber nur Kapazität für 400 Kinder, die anderen treiben sich in den Straßen rum, auch hier wieder das Thema von Gewalt und Drogen. Es gäbe häufig Todesfälle wegen der nicht isolierten Elektrokabel und Trinkwasser ist nicht vorhanden. Die Bewohner zahlen trotz der Situation mindestens 200 EUR Miete. 

Der Leiter der Beratungsstelle, ein junger intelligenter Mann, erzählt, dass er die Zusage für ein Stipendium einer Universität in den USA hat, aber es scheitert an dem Visum. Ein Mädchen kommt herein und lockert unsere betroffene Stimmung ein bisschen auf, ich (Meike) schenke ihr einen skate-aid Sticker und bekomme als Dank einen dicken Kuss auf die Wange, die meisten Kinder haben keine Berührungsängste, bei den Erwachsenen sind es da schon ganz anders aus.

Unserem Taxifahrer merken wir die Erleichterung an als wir das Settlement wieder verlassen. Nachdem die Christen 1984 fast jeden Bewohner der Gegend erschossen haben, sind Sie dort nicht mehr gern gesehen. Er erzählt uns, dass auch er zum Schutz eine Waffe unser seinem Sitz bereithält. Wir wurden bei unserer Besichtigung der kleinen Gassen von den Bewohnern mit aller Freundlichkeit empfangen.  Die 30 Jahre alten Einschusslöcher in den Wänden sind noch immer als stille und traurige Zeugen überall zu sehen.

„Gehört ihr zu denjenigen, die heute den Protest organisiert haben“ fragt die Frau in dem kleinen Schawarma Restaurant am Abend.  Wir schauen zunächst uns, anschließend die Frau etwas verwirrt an und bemerken, dass sie wie gebannt auf den Fernseher schaut. Wir verneinen die Aussage, sehen aber auf den Bildern im TV, das 500m von uns entfernt gerade eine Straßenschlacht zwischen den Protestierenden und der Polizei beginnt. Man hört aus der Ferne sogar die Protestrufe der aufgebrachten Menge. Die Lage beruhigt sich zwar laut der TV Bilder wieder, denn eine Menschenmenge schließt ein Schutzschild um die Polizei herum und versucht so die Lage nicht eskalieren zu lassen, aber heute werden wir die Proteste lieber nicht besuchen. 

Mittwoch 4.09.2015

Zunächst fahren wir in die einzige Einrichtung für Straßen und Waisenkinder, wie auch für Kinder die häusliche Gewalt erfahren und aus der Familie geholt werden. Die Einrichtung erinnert eher an einen Jugendknast als an eine Jugendeinrichtung. Keine Bilder an den Wänden, drei verschiedene Sicherheitszonen durch Gitter gesichert, Gemeinschaftsschlafstätten… Ungefähr 70 Kinder und Jugendliche leben hier, die jüngsten sind 3 Jahre alt. Außer Bälle und Fernseher haben die Kids sonst kaum Beschäftigungsmöglichkeiten erzählt uns der Leiter des Freizeitprogramms, leider fehle es am Geld. Ausgerechnet hier finden wir zu unserer Überraschung im Außenbereich den bislang am besten betonierte Platz in ganz Beirut.

Anschließend fahren wir nach Beeka, insgesamt sind es drei Stunden Fahrt durch eine trockene Landschaft aus Steinmassiven und kargen Büschen. Direkt hinter dem Bergmassiv ist schon die syrische Grenze. In Hermel treffen wir unsere Kontaktfrau, die extra für uns die Erlaubnis eingeholt hat, die Flüchtlingscamps betreten zu dürfen. Es sind zwei Settlements,  je eine Ansiedlung besteht aus ca. zehn Zelten, in denen je bis zu zwanzig Personen wohnen. Da das Gelände Privateigentum ist, müssen die Flüchtlinge sogar noch Miete aufbringen.

Die Zustände sind erbärmlich, es ist 38 Grad warm, es gibt keinen Schatten, drum herum befindet sich nichts außer Steppe, der Wassertank, der erst kürzlich hier aufgestellt wurde kann nicht genutzt werden, da der Hahn geklaut wurde. Die sanitären Anlagen laufen über.

Unsere Kontaktperson erzählt uns, dass sie vor neun Jahren während des Konflikts mit Israel selber nach Syrien fliehen musste. Sie wird den Syrern für deren Unterstützung für ewig dankbar sein und sie werden ihre volle Unterstützung haben. Sie sagt aber auch, dass es sich damals um zwei Wochen handelte, die Syrer allerdings schon seit vier Jahren im Libanon ansässig sind. Die Stimmung sei innerhalb der Bevölkerung angespannt. 

Auf der Rückfahrt gehen uns verschiedenste Gedanken durch den Kopf. Wir sehen immer mehr Trucks der Armee, die sich für mögliche Kämpfe im Grenzgebiet in Stellung bringen. Als plötzlich ein Autofriedhof neben uns auftaucht, sind sich der Fahrer und ich (Torben) uns einig, wir müssen kurz anhalten. Eine sehr gerne genommen Ablenkung zu diesem Zeitpunkt. Wir entdecken mehrere Cadillacs, zwei 60er Jahre Mercedes Benz Heckflossen, mehrere VW Bullis und viele weitere. Man kam sich vor wie in einem Open Air Museum.

Wir gehen zurück zum Auto und hören, wie anscheinend versucht wird, so ein altes Schätzchen zu starten. Ich denke mir noch „Man, der hat aber Fehlzündungen“. Unser Fahrer interpretiert die Geräusche nicht als Fehlzündungen, sondern als Maschinengewehrfeuer und sollte damit Recht behalten. Er wies uns an, in Deckung zu gehen. Wir standen zum Glück nicht unter Beschuss, sondern vom gegenüberliegenden Gebäude haben ein paar Jungs unentwegt Salven an Freudenschüssen für das gerade einfahrende Hochzeitpaar abgefeuert. Da die „Halbstarken“ aber nicht so sicher an ihren Kalaschnikows schienen und wir vor möglichen Querschlägern ordentlichen Respekt hatten, warteten wir auf die nächste Feuerpause und sind dann weiter Richtung Beirut gefahren.

Wir haben eine spannende, hoch emotionale und nicht weniger erfolgreiche Reise hinter uns gebracht. Rückblickend war die Reise sehr wichtig für die weitere Projektplanung von skate-aid im Libanon. Wie haben nicht nur selber gesehen, dass
die Kindern und Jugendlichen unterstützt werden müssen, sondern haben alle Organisationen und offiziellen Stellen uns gebeten vor Ort Projekte umzusetzen. Nach 4 Jahren Bürgerkrieg ist man sich einig, dass humanitäre Hilfe nun nicht mehr ausreicht. Vor uns steht jetzt eine Vielzahl von Aufgaben um das Projekt weiter zu entwickeln und dann umzusetzen. Gehen wir es an… 

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