Titus & Torben in Kampala
15. bis 19. Februar 2012
Klickt auf ein Bild für die Galerie (Fotos: Patrick Knoch)
Sonntag, 19. Februar 2012: Titus
Kaum zu glauben, aber morgens um 9 Uhr waren tatsächlich alle Contest-Teilnehmer pünktlich im noch unter Wasser stehenden Skatepark versammelt. Wir sortierten die Preise, die uns netterweise Ernsting´s Family nicht nur für Uganda, sondern auch für den noch kommenden Event in Tansania gestiftet hat (12 skate-aid Komplettboards und einiges an T-Shirts und Kappen).
Außerdem finanziert Ernstings Family Patrick, den uns begleitenden Kameramann. Die Siegerehrung starteten wir mit den Kids bis 11 Jahre und es war eine große Freude für uns, dass Mubiru, der im Uganda Video vor gut einem Jahr noch auf den Knien rollert, jetzt schon den 3. Platz erreicht hat.
Nach den Junioren wurde es dann für alle sehr spannend weil die Leistungsdichte der Älteren so eng war, dass selbst Spekulationen auf den Gewinner für die Teilnehmer sehr schwer wurden. Douglas hatte schon Schwierigkeiten ins Finale zu kommen, weil sein erster Run einfach total verbailt war. Im 2. Run pushte er sich mit extrem hohen Airs noch knapp ins Final, so dass er jedoch nur mit dem 4. Platz beenden konnte. Sein Druck und damit die Nervosität war zu groß, weil er Torben und mich nicht enttäuschen wollte. Es sollte doch sein Dankeschön werden für die von skate-aid finanzierte Schulausbildung.
Den ersten Preis und damit auch noch den Trip nach Tansania für einige Wochen als Skateboardlehrer hat Farook gewonnen, der uns dann in ca. einem halben Jahr von seiner Arbeit im Park von Dodoma berichten wird.
Nach heftigen gegenseitigen Dankesreden mussten wir uns schnell auf den Weg zum Flughafen machen, jedoch nicht ohne die obligatorische Bananenpampe mit Fleischsoße von Jacks Mutter gegessen zu haben.
Im Flugzeug hatten wir dann das erste Mal Zeit, die letzten Tage gemeinsam zu reflektieren und uns wurde plötzlich klar, dass wir fast drei Tage lang mitten in einem der gefährlichsten Slums Ostafrikas gelebt haben, in dem ein verirrter Tourist gerade mal zehn Minuten braucht, um hilf- und bargeldlos zu sein, nach Hoffnung ringend, aus dieser misslichen Lage halbwegs unbeschadet wieder raus zu kommen. Wir hingegen waren privilegiert, weil Jack im Vorfeld Torben allen einflussreichen Slumgrößen vorgestellt und unser Projekt erklärt hatte. Das sprach sich schnell herum und wir waren willkommene Gäste und fühlten uns sicher.
Das Überfliegen des Viktoriasees, einem Süßwasserbinnenmeer, war schon beeindruckend. Das Mittelmeer zu Überfliegen fühlt sich auch nicht viel anders an. Und der Landeanflug mit bester Aussicht auf den Kilimandscharo wird unvergessen bleiben. Beim Verlassen des Flugzeuges schlug einem die Hitze förmlich ins Gesicht. Aber auf dem Weg in die Meru View Lodge wurde das Klima immer angenehmer.
Und jetzt sitzen Torben und ich bei angenehmen 30 Grad im Schatten auf der Veranda unserer kleinen Hütte in 1.400m Höhe mit Blick auf die Schneekuppe des Kilimandscharos und beginnen mit den leider notwendigen Büroarbeiten während unser Kameramann schon mal den Schnitt vorbereitet.
Gruß, Euer Titus
Samstag, 18. Februar 2012: Titus
Erstaunlich wie wohl ich mich inzwischen mitten im Slum von Kampala fühle.
Das war wirklich eine ausgelassene und fette Party heute im Skatepark. Schon in der Frühe hat Jack, der Präsident der Uganda Skateboard Union, ein großes Zelt mit 100 Stühlen und eine fette Anlage aufgebaut, damit es auch ein unvergesslicher Contest wird.
Gegen Mittag begann es leicht zu regnen und die Spannung war groß, ob mal wieder alles ins Wasser fällt. Aber pünktlich zum geplanten Beginn kam die Sonne wieder durch. Trotzdem ging es mit 2 Stunden Verspätung los. Wir sind halt in Afrika. Gestartet und gewertet wurde in 3 Gruppen. A) die Kids von 5-11 Jahren, die Rotzlöffel von 12-15 Jahren und die Erwachsenen ab 16 Jahre. Insgesamt waren es über 20 Starter, was für Afrika extrem hoch ist.
Noch höher waren die Zuschauerzahlen, die ich zeitweise auf 600-700 schätze. Der Bürgermeister und das TV blieben trotz Ankündigung fern. Die halten sich halt nicht so gerne in den Slums auf. Für die Kinder hier war das eine Wahnsinnsparty. Nach den offiziellen Ansprachen holte der talentierte MC die Kids auf die Skatefläche und in Wechselgesängen wurde skate-aid gefeiert und dann erst mal kräftig abgetanzt. Mann, war das schön.
Dann kam der Contest mit vielen Break Dance Zwischenshows. Gott sei Dank ist der Level der Skater noch auf sehr niedrigem Niveau, so dass meine mangelnde Erfahrung im Judgen nicht auffiel. Beim Final wurde es dann mal richtig spannend. Aber nicht nur wegen der gleichen Leistungsstärke der Teilnehmer. Der Himmel verdunkelte sich innerhalb kürzester Zeit beim vorletzten Starter und der letzte Run fand schon im chaotischen Abbau statt. Erst kam ein kurzer Sandsturm und dann schüttete es wieder aus Kübeln. Deshalb wird die Siegerehrung auch morgen früh um 9:00 stattfinden - in der Hoffnung, dass alle pünktlich sind, da wir um 10:00 zum Flughafen aufbrechen müssen.
Patrick, unser Kameramann, hat aber auf alle Fälle super Bilder im Kasten, so dass ich jetzt schon die kommende Filmdokumentation unserer Reise empfehlen kann. Das liegt aber auch daran, dass wir als Weisse hier in den Slums die absoluten Exoten sind. Viele Kinder haben vorher noch keine Berührung mit solch seltsamen weißen Menschen gehabt. Sie haben immer wieder über die weichen langen Haare an unseren Armen gestreichelt, weil es so was halt nur bei uns gibt und mein Bart war auch begehrliches Objekt mal ganz vorsichtig dran zu tasten.
Meine ehrliche Antwort auf die Frage nach meinem Alter wurde eher als Verarschung aufgenommen. Kein Wunder wenn die Lebenserwartung hier im Township unter 60 Jahren liegt. Umso erstaunlicher wie groß die Lebensfreude und Gastfreundschaft der Menschen hier ist.
Einzig das Essen macht mir hier weniger Freude. Diese trockenen Pampen aus Reis, Mais, Kartoffeln, Bananen oder gerne auch mal miteinander vermischt, ist sehr mächtig und äußerst gewöhnungsbedürftig. Hinzu kommt natürlich die Sorge der katastrophalen Hygiene beim Kochen und des verseuchten Trinkwassers, was vermutlich beim Kochen auch verwendet wird, weil das Geld für Mineralwasser fehlt. Aber mein Magen hat ja schon viele Attacken auf diesem Erdball überlebt. Warum sollte er nicht mehr mitmachen wollen?
Gruß, Euer Titus.
Freitag, 17. Februar 2012: Titus
Trotz des Streiks am Frankfurter Flughafen lief der Hinflug nach Uganda problemlos und ohne Verzögerung. Torben und Jack, der Präsident der Uganda Skateboard Union, holten uns am Flughafen Entebbe ab.
Nach durchflogener Nacht und mit einer ordentlichen deutschen Wintergrippe in den Knochen ist schwüle Hitze so ungefähr das letzte wonach man sich sehnt. Drei Monate hat es jetzt schon nicht mehr geregnet, aber warum muss der erste kräftige Tropenerguss ausgerechnet niederprasseln, wenn ich mich gerade aus den Winterklammotten gepellt habe und nur mit T-Shirt und Short bekleidet am Victoriasee sitze ohne Unterstellmöglichkeit?
Die Gastgeber wollten uns natürlich erst mal ihre Heimat von der schönsten Seite zeigen. Und es könnte jetzt auch richtig schön sein, wenn einen nicht überall Armut, Dreck und Gestank zurück in die Realität holen würde. So sitzen wir also vor Nässe triefend und frierend mit ca. 10 Gundies (so oder ähnlich nennt sich die Skateboardposse um Jack und Douglas, der natürlich mit dabei ist) in einem Kleinbustaxi, das in Deutschland max. 8 Personen transportieren dürfte. Ich bin mir nicht, ob der Typ noch mal 2-4 dazu packen wird an der nächsten Ecke, obwohl ich schon die 20 beim Durchzählen erreicht habe. Frierend und ergeben im Schicksal, träume ich von einem trockenen T-Shirt. Man kann sich noch nicht mal ablenken, denn die Scheiben sind voll beschlagen.
Zurück im Township wurde der Heimweg dann noch zum Balanceakt. Schon der Hinweg durch diese mit Erosionsrinnen zerfurchten Wege, wo die Abwassergräben mal in der Mitte, mal rechts, mal links oder auch quer verlaufen, benötigt alle Aufmerksamkeit. Wenn dann noch der Regen dazu kommt, der nach drei Monaten nur die oberste Schicht des ausgetrockneten Bodens aufweicht, bleibt dieser rote Matsch unter den Schuhen kleben und wird ruck zuck zur Plateausohle. Eigentlich hatte ich gehofft, dass wenigstens der penetrante Kloakengeruch durch den Wassersegen zurück geht. Aber dafür muss es sicherlich erst mal ein paar Tage durchregnen.
Klar, dass unser Plan noch zum Skatepark zu gehen und einer Session beizuwohnen ins Wasser fiel. Wir nutzten die Zeit, um mit Jack den morgigen Tag und die Zukunft überhaupt zu besprechen - und dieses Gespräch hat Jack sichtlich glücklich gemacht, obwohl sein Glückspegel durch sein gerade geborenes Baby schon vorher sehr hoch war.
skate-aid wird als ersten Preis des morgigen Contests dem Sieger eine Reise in den Skatepark von Dodoma (Tansania) mit Aufenthalt finanzieren. Das ist nicht nur ein super begehrenswerter Preis, es spart uns auch die doppelten Kosten für den nächsten Skateboardlehrer in Dodoma.
Zusätzlich haben wir einen Plan der Hilfe zur Selbsthilfe entwickelt. Das Gebäude, dessen Grundstein wir morgen legen werden, wird eine Schlafmöflichkeit erhalten, wo Skateboardtouristen aus USA oder Europa in Zukunft gegen Geld übernachten können. Das wird der Start in eine Eigenversorgung der Uganda Skateboard Union. Klar, dass Jack auch gleich von einem kleinen Skate-Shop auf dem Gelände schwärmte. Auch hier werden wir ihn mit unserem Know-how und auch mit den in Deutschland gesammelten T-Shirts, usw. unterstützen. Wenn das klappt, könnte das ein Vorbild für viele neue Projekte sein, da dies zur selbstständigen, unabhängigen Weiterführung solcher Projekte und zu neuen Arbeitsplätzen führen würde.
Endlich liege ich nach einem anstrengenden Tag im Bett. Sehe den Geckos zu, die über die Zimmerwand huschen und auch die Ameisen in der Zimmerecke sind noch nicht zur Ruhe gekommen. Plötzlich fühle ich was am Rücken, fühle mit den Fingern und ertaste irgendetwas was in der Haut steckt oder an ihr klebt. Mit einem kleinen Schreckschrei reiße ich es raus und schleudere es weg. Leider kann ich dieses Unbekannte nicht mehr wiederfinden, so dass ich nie mehr erfahren werde, ob es irgendein Tier war oder das noch klebende Kaugummi meines Bettvorgängers.
Euer Titus
Mittwoch, 15. Februar 2012: Torben
Gestern um 7 Uhr sollte die Reise nach Afrika beginnen. Doch hatte die erste Bahn direkt eine Stunde Verspätung, so dass ich über andere Verbindungen es noch gerade rechtzeitig zum Flieger geschafft habe. Der Flug war recht unspektakulär, nur dass mein Nachbar mich beim Essen versehentlich angestupst hat und mein volles Glas Rotwein nun in meinen Zipper eingezogen ist.
Angekommen! Diese Nacht um 1 Uhr Ortszeit bin ich in Uganda gelandet. Selbst gestern Nacht waren es noch gefühlte 30 Grad und eine extrem hohe Luftfeuchtigkeit. Auf Regen wird hier sehnsuchtsvoll gewartet, denn seit drei Monaten kam kein Tropfen vom Himmel.
Die Fahrt vom Flughafen war da schon interessanter. Das Auto unseres Fahrers hatte wie üblich kein Licht. Na gut, dass Fernlicht hat funktioniert zum Ärger der anderen Fahrer.
Ich darf in der für die örtlichen Verhältnisse extrem gut ausgestatteten Wohnung von Jacks (Präsident der Uganda Skateboard Union) Bruder hausen. Dieser ist Architekt und baut gerade im Norden eine Brücke. Heute Morgen wurde mir dann noch ein Fernseher in die Wohnung gebracht und als ich aufwachte, stand schon Frühstück (gekochte Bananen und Kaffee) vor der Tür. Die Gastfreundschaft ist wieder außerordentlich. Zwei Stunden nach dem mächtigen Frühstück kam schon die nächste Ladung Reis mit Soße. An der Sitze ich gerade immer noch und kämpfe, aber es will einfach nichts mehr rein. Aber ich will ja auch nicht unfreundlich sein…
Heute Abend sollte dann das erste große Meeting gehalten werden, wo wir die einzelnen Punkte für das Projekt besprechen. In erster Linie geht es um:
• Erweiterung und Renovierung des Skateparks
• Bau von einem Lager- und Büroraum
• Skateboarding an den Schulen
• Möglichkeiten zur Eröffnung des ersten Skateshops in Uganda
• Kooperation mit anderen afrikanischen Ländern
Doch Jack und seine Frau bekommen wahrscheinlich heute noch ihr Baby. Dann werde ich mich halt mit Douglas treffen und mir seine Tansania Erfahrungen berichten lassen. Zudem treffe ich Daniel Gluche aus Deutschland und wir checken mal den Skatepark aus…
Übrigens sind hier alle schon ganz aufgeregt, dass Titus persönlich am Freitag ankommen wird.
Beste Grüße aus Kitintale, Torben





DEUTSCH
ENGLISH