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Maurice Ressel in Karokh
Zeitraum: ab 12. September 2010

Blog Nr. 3: 27. September bis 4. Oktober 2010

So sieht Begeisterung in Karokh aus.

Polizeichefs und Flimmerkisten

Im Marco Polo-Hotel an der Badmurghan Street in Herat läuft alles in afghanisch geordneten Bahnen. In dieser Woche gab es komischerweise noch keine längeren Strom- oder Internetausfälle und man wird jeden Morgen pünktlich um Fünf vom Morgengebet aus dem Schlaf gesungen.

Beim Frühstück spuckt einem der Fernseher mit höllischer Lautstärke und miserabler Tonqualität arabische Gesänge in die Ohren. Es gibt lustig hirnrissige indische Spielfilme und Dauermilitär-Werbesendungen.

Und ab und zu kommt auch mal der Polizeichef bei uns rein geschneit. Das sieht dann so aus: Sechs Ford Ranger Geländewagen mit fetten MG’s quetschen sich in die Einfahrt zum Hotelhof. So, dass keiner mehr raus oder rein kann. Von jedem Wagen springen dann vier, alle mit Sturmgewehren bewaffnete Cops. Jeder schaut sich mit kritischem Blick hastig um und geht zielstrebig zu einem, von ihm vorher sorgfältig ausgesuchten Gesprächspartner. So bilden sich illustre Gesprächgrüppchen mit offensichtlich belanglosen Themen. Nur die MG’s an den Ford’s bleiben von wachsam grimmig Dreinschauenden besetzt, die jeden böswilligen Ansatz im Keim ersticken.
Die Tür des mittleren Wagens, welche als letztes geöffnet wird, ist nun auch schon umringt von den aufgeregten Gastgebern. Kaum tritt der Hauptprotagonist ins Freie, beginnt der Begrüßungsmarathon…Ich sag euch das ist filmreif.


Highway to hell
Die Hauptstraße heraus aus Herat aufs Land, ist gespickt von kleineren Läden und Rollständen mit Obst und Gemüse. Das Leben findet hier auf der Straße statt und die Leute schlängeln sich durch das Gewirr von sitzenden Bettlern, aufgetürmten Autoreifen, Müllbeuteln und Melonen, um ihr Ziel zu erreichen. Am Stadtrand ist es ruhiger. Aus diesem Grund halten wir bei jeder Fahrt nach Karokh dort an, und frischen unseren Proviant mit Wasser und Falafel auf.

Die Rollen sind klar verteilt: ich bleibe brav im Wagen und bestaune mit kindlicher Bewunderung das Verkehrschaos und Zobair* macht sich eifrig auf die Socken, für seine Besorgungen. Doch an diesem Tag hatte ich zufällig meine Kamera dabei. Seitdem wir losgefahren waren, sprangen mir schon wieder tausend geeignete Motive ins Auge, sodass ich mir sicher war, in der näheren Umgebung des Autos fündig zu werden. Ich sprach mir selber Mut zu und öffnete bedächtig die Tür.

Wenn du als europäisches Milchgesicht, bewaffnet mit einer fetten Kamera am Stadtrand von Herat aus dem Auto steigst, dann hast du die Aufmerksamkeit der Afghanen sicher!! Ein Obstverkäufer wollte mir seine vergammelten Bananen andrehen und machte lauthals alle Leute im Umfeld darauf aufmerksam, dass es hier etwas zu sehen gibt. Nach etwa einer Minute war ich dann auch schon von zehn Jugendlichen umringt, die mich neugierig, lachend und frech anschauten und meine Kamera beliebäugelten. Die Leute an den Obst- und Einkaufsläden starrten hin und wieder zu mir rüber, als ob sie eine tauchende Katze gesehen hätten.

Nach einer kurzen Weile, fielen meine Blicke auf den Bananenverkäufer der sich genähert hatte und wohl schon länger meine Aufmerksamkeit suchte. Er fixierte mich mit seinem Blick und versuchte anhand von verschiedenen Gesten mir etwas zu erklären. Mit ausladender Bewegung streifte er mit seiner Hand den Bart entlang und machte ihn symbolisch größer. Dann zeigte er auf mich und tat so, als ob er ein schweres Gewehr in seinen Händen hielte. Er hob es hoch, zielte auf meine Brust, drückte ab und strich sich dann mit dem Zeigefinger entlang der Kehle. Das wiederholte er und zeigte schwungvoll aus der Stadt Richtung Land. Während der nette Obstmann so mit seinen Händen in der Luft und in seinem Gesicht rumfuchtelte, bildeten sich analog zu seinen Gesten, Worte in meinem Schädel. „Junge, wenn du da raus gehst, dann kommen die Taliban mit den langen Bärten und verpassen dir n paar Kugeln…kapiert?!“.

Das reichte mir an Informationen! Ich verabschiedete mich von der interessanten Runde, um etwas verunsichert und ohne auch nur ein Foto geschossen zu haben ins Auto einzusteigen. Zobair wartete schon auf mich, wir öffneten unsere Cola und fuhren los.

Der 1. skate-aid Club Karokh
Nach dem polternden Ritt durch die heiße Mondlandschaft, stehst du nun endlich am großen blauen Tor. Dahinter hörst du lautes Getöse, Geraune, Geschreie und Gelache. Die Sonne steht hoch und es ist heiß. Schweißtropfen bilden sich sekundenschnell auf deiner Stirn….und rinnen dir in die Augen. Egal.

Mit der rasiermesserscharfen Auffassungsgabe eines Schachweltmeisters, wird dir aufgrund der Geräuschkulisse klar, dass heute Schule ist. Du weißt, dass dies kein leichter Tag werden wird…..und senkst demütig dein Haupt.

Mit der Sporttasche in der linken und deinem Skateboard in der rechten trittst du nun näher. Doch die Ruhe vor dem Sturm währt nicht lange. Die ersten haben dich schon über die Mauer hinweg erspäht
und geben laut Kunde von deiner Ankunft.

Langsam öffnet sich das schwere Tor. Der erste Schritt fällt schwer, doch kaum hast du den getan, kommen sie aus allen Richtungen. Barfüßige, kleine flinke Wesen mit großen feuchten Augen. Sie umzingeln dich mit tanzenden Bewegungen, starren dich an und singen dabei immer und immer wieder die gleichen hypnotischen Worte:

…Maurice, Skate, Maurice, Maurice, Maurice, Skate, Skate, Skate, Maurice, Skate, Maurice, Maurice, Skate...Maurice, Maurice, Maurice…

Betäubt vom Singsang betrittst du die hügelige Landschaft aus Beton und kunstvoll geschwungenem Stahl. Umringt von hundert lustig dreinschauenden Wichten, bahnst du dir deinen Weg, den Weg zum höchsten Punkt. Die Sonne scheint nun noch höher zu stehen, der Schweiß trübt die Sicht, doch du reißt die Augen auf und lässt den Blick über das Land der Kinder schweifen. Überall rutschende, springende, schreiende, rennende, kichernde und Steine schmeißende kleine Wesen auf dem Beton, es sind Tausende.

Und dann bahnen sich vier Entschlossene ihren Weg zum höchsten Punkt…bekannte hilfsbereite Gesichter…lächeln dir entgegen. ….du setzt dich nun sichtlich gelassen und wartest bis deine Gefährten eingetroffen sind. Ab jetzt kann es nicht mehr lange dauern! Dann könnt ihr euch auf die hölzernen Gefährten schwingen und endlich die Hügel herunter reiten bis die Sonne untergeht. Mit dem 1. skate-aid Club Karokh

PS: Sorry für die heute mal leicht theatralischen Texte…

Hier hat sich in der Zwischenzeit auch etwas bezüglich meiner Aufenthaltsdauer getan. Titus wird uns am 11. Oktober gemeinsam mit dem ZDF besuchen kommen. Wenn alles im Kasten ist, werde ich mit ihm um den 18. Oktober herum, wieder @ home segeln.

Dir einen guten Flug Titus, ich freu mich schon drauf.

Grüße an Alle!
Euer afghanischer Straßenköter.

* Zobair Akhi ist der Projektleiter unseres Kooperationspartners Grünhelme e.V. Der afghanische Diplom-Ingenieur war Mastermind beim Bau unseres skate-aid Parks in Karokh


 

19. bis 26. September 2010

Best of Six: Der Club der Besten im skate-aid Park von Karokh

Mit 5% zurück ins Mittelalter
Die Wahlen sind vorbei, die vielen tausend Wahlplakate abgehängt und einige von euch haben bestimmt über die Anschläge und Auseinandersetzungen in dieser Zeit in den Nachrichten gehört. Doch Herat wird mit den läppischen sechs weg gesprengten Wahllokalen und den paar entführten UN-Mitarbeitern bestimmt nicht dabei gewesen sein. In der Nacht vor den Wahlen ging gerade mal 400 Meter von unserem Haus entfernt ne Autobombe hoch….meine Fresse so’n fetten Knall hört man nicht oft im Leben. Anschließend wildes Rumgeballer. Die ganze Aktion hat bestimmt niemandem auch im Entferntesten was genützt - das alles ist so verdammt sinnlos!! Doch Zobair* ist mit der Gesamtsituation noch ganz zufrieden und sagt: “Das ist dieses Jahr der reinste Kindergarten, letztes Jahr ist die ganze Stadt in die Luft gegangen!“ Oh Mann!Für 95% der Leute hier, lohnt es sich wirklich sich zu engagieren. Sie sind so liebenswerte und zuvorkommende Menschen, so dass man die anderen 5% manchmal vergisst und sich wohlfühlen will. Genau die 5% Gehirnamputierte, die das Land mit all seiner Schönheit in ein radikal islamistisches Mittelalter zurücksprengen wollen. Ein Gelehrter des Landes hat einmal gesagt: Wieso denkt der Afghane, dass der andere sterben muss, damit er leben kann!


Menschen im Hotel
Sonntag bin ich in ein anderes Hotel abgestiegen. Nach den ganzen Feiertagen scheinen die Leute wieder in die Stadt zu kommen und die Hotels zu füllen. Und dabei sind jede Menge interessante Leute. Das erste was ich sah als ich jungfräulich das Hotelrestaurant betrat, waren zwei bewaffnete amerikanische Bodyguards, mit drei sich angeregt unterhaltenden Personen. Ich konnte leider nicht viel von ihren Gesprächen mitbekommen, da der Fernseher schrille afghanische Klänge ausspuckte. Aber etwas wirklich Wichtiges haben sie bestimmt nicht zwischen Reis und Cola besprochen. Als Fotograf schlug mir das Herz an einem anderen Tag höher, als sich beim Frühstück ein amerikanischer Reporter mit seinen zwei völlig zerschrammten Nikon Diggis schnell zwei Brote schmierte, um dann hastig aus dem Raum zu stürmen. Wie es der Zufall so will, saß er abends mit zwei Kollegen im Restaurant und sichteten die Fotos auf ihrem Macbook. Die werden wohl für eine Amizeitung hier Fotos geschossen haben.
Eines Morgens zum Frühstück kam der Hotelchef gut gelaunt herein und begrüßte alle Anwesenden im Raum. Zielstrebig setzte er sich zu mir an den Tisch. Warum ich denn immer diese Kleidung tragen würde, ich wäre doch kein Moslem, fragte er. Und welcher Religion ich denn angehören würde. Da er mir von Anfang an sympathisch war, beantwortete ich seine Frage mit bestem Gewissen und wartete auf seine Reaktion. Wieder mit einem Lächeln entgegnete er: “AHH , a german christ! Do you know who Hitler is? Hitler fought against the Russians in World War II – he was a good man!“ Kein Scherz!
In diesem Moment wurde mir die Anwesenheit der Amerikaner am Nachbartisch noch einmal richtig ins Gedächtnis gemeißelt. Und ich setzte zu einer Gedankenpause an! Doch ich musste Gott (oh sorry, Allah) sei dank nicht antworten, da der hibbelige Hotelchef sich wegen einem gerade eingetroffenen wichtigen Gast auf die Beine schmiss und davon eilte!

Clubatmosphäre: Best of Six
Wegen der angespannten Sicherheitslage haben wir uns komplett dagegen entschieden, auf dem Land zu übernachten – wir wollen unser Glück nicht noch weiter strapazieren. Und wir haben uns entschlossen, meinen Aufenthalt hier auf einen Monat zu verkürzen. Deswegen müssen wir uns jetzt noch intensiver darum kümmern, dass alles in der verbleibenden Zeit so läuft, wie wir uns das vorstellen.
Zobair und ich haben uns wieder einmal intensiv über die wichtigsten Punkte des Skateboardbetriebs unterhalten und entschlossen uns, einen Club mit den sechs besten Kids zu gründen. Daran teilhaben soll noch ein vertrauenswürdiger Englischlehrer der Schule. Er wird die Kommunikation mit skate-aid aufrecht erhalten, um die Bedürfnisse der Kids an uns heran zu tragen. Er steht jedoch keinesfalls über den anderen Mitgliedern oder hat irgendwelche Sonderrechte. Jedes der Kids ist für sich und das eigene Material verantwortlich. Das ist von entscheidender Wichtigkeit für einen Erfolg hier. Nur wenn wir die wirklich Interessierten fördern, kann sich aus dem Engagement eine runde Sache entwickeln. Würde das Material in die Hände der Schule gelangen, besteht die große Gefahr, dass dieses nicht sinngemäß verwendet, oder teils sogar verkauft wird.
Bevor wir die Skateboards an die Mitglieder verteilen, unterzeichnen die Eltern einen von uns aufgesetzten Vertrag, um etwaigen Haftungsansprüchen bei Verletzungen oder Sachschäden vorzubeugen. Dann wollen wir mal hoffen, dass die Jungs in Ruhe gelassen werden und immer wenn sie Zeit haben sich auf Deck schwingen…drückt mal die Daumen mit!!

Der Barfuss Olly
Die Curbs sind geschliffen, gewaxt und 1A grindfähig. Das Wetter ist ein bisschen milder geworden und die Jungs sind besser und motivierter denn je...BINGO! Das freut das weit angereiste Bleichgesicht!
Ich handhabe das Training mittlerweile so, dass ich mir einen schnappe und mit ihm auf die Miniramp gehe. Die anderen üben auf der restlichen Bahn ihr Gleichgewicht durchs Puschen und Rampen runterheizen. Nach 15 Minuten ist dann der Wechsel angesagt.
Alles was ich mache, versuchen die natürlich erstmal nachzumachen, ganz besonders den Olly - und zwar oftmals barfuss. Dieser Umstand stellt mich vor ein Problem. Den Jungs nen Olly beizubringen, ohne Schuhe oder nur mit Sandalen ist eine blutige Angelegenheit. Deswegen hat jetzt jeder die strikte Anweisung, sich bis nächste Woche ein paar Schuhe klar zu machen. Das liegt laut Zobair absolut in ihrem finanziellen Rahmen. Ich war schon drauf und dran und wollte für alle welche besorgen. Doch Zobair bremste mich mit der Begründung, dass man kein zu hohes Abhängigkeitsverhältnis schaffen solle…leuchtet mir ein.
Dann wird ich mich noch in Geduld üben und darauf hoffen, dass ich es in einer Woche schaffe, einem der Kids einen fetten Olly beizubringen…

Dann wünsch ich Euch allen ne relaxte Zeit bis nächste Woche zum Bericht Nr. 3…
und ich freu mich, bald wieder ne richtig fette Pizza in Münster essen zu können – Geil!!

Es grüßt aus Karokh, Maurice


* Zobair Akhi ist der Projektleiter unseres Kooperationspartners Grünhelme e.V. Der afghanische Diplom-Ingenieur war Mastermind beim Bau unseres skate-aid Parks in Karokh


 

12. bis 18. September 2010

Salam maleku!
Aller Anfang ist schwer. Das gilt für zweierlei: den Start eines Reiseberichtes und die Aufgabe Kindern in Afghanistan das Skaten bei zu bringen. Was in einem friedlichen Land vielleicht eine relativ simple Aufgabe ist, wird in diesem vom Krieg zerrütteten Land zu einer sehr interessanten Mischung aus sicherheitstechnischem Nervenkitzel und Chaos-Kontrolle in einem Pulk skatebegeisterter Kids.


Jetzt wird's ernst
Doch bevor ich von meinen ersten Erlebnissen am skate-aid Park in Karokh berichte, möchte ich Euch noch einige Impressionen meiner letzen Woche geben:

Als ich am 6. September mit Titus im Zug Richtung Abflughafen Frankfurt saß, schoss mir eine Frage durch den Kopf: „Was für Typen werden wohl neben uns in der Maschine sitzen?“ Harte Jungs wie Militärs, Polizisten und abgebrühte Geschäftsmänner vielleicht? Ich konnte ja nicht ahnen, dass es im Endeffekt ein Familienausflug war: mit 15 schreienden Säuglingen und 20 Kleinkindern, bewacht von zehn Polizisten. Gott sei dank hatte Titus Ohrstöpsel für mich übrig! So flogen wir nun dem Sonnenaufgang entgegen. Als die ersten Strahlen Helligkeit brachten, tauchte der Hindukusch aus der Dunkelheit auf. Da wurde mir bewusst: Jetzt wird es ernst - man ist ja vorher soo gut im Verdrängen!

Das organisierte Vollchaos
Die ersten Eindrücke nach der Landung, die bei mir hängenblieben: der Geruch verbrannter Autoreifen, Erdöl und die furztrockene Hitze. Vom Flug Kabul/Herat holte uns Zobair Akhi, Ingenieur und Projektleiter der Grünhelme und Mastermind des Skatepark-Baus am Militärflughafen ab. Kaum hatten wir das Flughafengelände verlassen, waren wir umringt von bettelnden Kindern und hupenden Autos. Der Weg zum Hotel hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen: den Straßenverkehr hier kriegt man nicht in die Birne. „Der erste Eindruck zählt“ dem Spruch macht das afghanische Volk alle Ehre. Die Menschen sind soo nett, gastfreundlich und bescheiden - aber alles andere ist organisiertes Vollchaos. Für uns präzisionsfanatischen Germanen sehr gewöhnungsbedürftig.

Ihr habt unsere Eindrücke der ersten Woche vielleicht schon in Titus‘ ausführlichem Reiseblog gelesen. Ich finde, er hat die erste Zeit sehr gut wiedergegeben, drum setze ich jetzt an, wo seine Berichte aufhören.

Mein Leben in Zobairs Händen
Nach der Verabschiedung von Titus und Rupert (Neudeck, Gründer Grünhelme e.V.) am Morgen, verbrachte ich den ersten Tag alleine im Hotel. Am Abend holte Zobair mich dann ab und wir gingen in das Restaurant, das die letzen Tage schon unsere erste Wahl war. Dort unterhielten wir uns über die Geschehnisse der letzten Woche und wie meine bevorstehende Aufgabe am besten gemeistert werden kann. Ich merkte bei unserem ersten richtigen Gespräch, dass dieser Mann Dreh- und Angelpunkt für den Erfolg hier, im mir so fernen Afghanistan sein wird. Und, dass mein Leben nun in seinen Händen liegt.

Zobair und die Schulen von Herat
Man kann als Ausländer das Land, die Politik und die Leute noch so intensiv studiert haben. Mit den Zeichen, die man lesen muss, um seinen Arsch heil durch die Straßen zu bringen, sollte man hier aufgewachsen sein. Zobair blieb bis zu seinem 20. Lebensjahr in Herat, bevor er mit seinem Bruder 1984 vor den Sowjets floh, um in Deutschland Bau-Ingenieurwesen zu studieren. Als er auf die Grünhelme um Rupert Neudeck stieß, nahm er die Gelegenheit war und ging 2004 mit abgeschlossenem Studium in sein Heimatland zurück, um dort Aufbauhilfe zu leisten. Bis heute hat er mit lokalen Arbeitskräften und Ressourcen 32 Schulen in der Provinz Herat und Umgebung erbaut: Gute Taten von einem noch besseren Menschen – Respekt Zobair.

Gekaufte Macht
Je leerer jedoch unsere Teller beim Abendessen wurden, desto ernster wurden die Themen. Man will es gar nicht wahr haben, doch hier werden Leute geköpft und weggesprengt, Leute die genauso aussehen und auffallen wie ich. Und das nicht irgendwo irgendwann, sondern genau hier und jetzt…hier wo ich gerade abhänge. Ich sag nur…skate or die!

Es sind Wahlen und das Land hält den Atem an. Regierungsgegner versuchen durch Gewalt ihren Widerstand zu untermauern. Dabei ist es in diesem, von Geld gelenktem, korrupten Land vollkommen egal wer die Fäden in der Hand hält. Wer am meisten zahlt kommt am weitesten. Mal Bock auf ein Jahr Polizeichef von Kabul? No problem: pay 1.200.000 Afghani! Nach diesem ernüchterndem Gespräch war mir klar – lauf so wenig wie möglich mit deiner europäischen Visage durch die Gegend und wenn’s doch mal sein muss, dann trag ne Burka.
Wir einigten uns nach langem hin und her, dass ich in der schwierigen Wahlzeit nicht auf dem Land wohnen werde und stattdessen mir ein günstigeres Hotel in Herat suche.

Die freundlichen Menschen von Karokh
Den skate-aid Park in Karokh erreicht man über eine breite, von den Iranern neu erbaute Straße, etwa 35 Minuten von Herat entfernt. Man schlängelt sich durch eine Art Mondlandschaft, wo hier und dort ein Esel am Straßenrand verweilt und winzige Dörfer schnell an einem vorbeihuschen. Das Stadtschild von Karokh ist kaum zu übersehen, denn Karokh ist der größte Ort im Distrikt. Ein schönes, grünes 12.000 Seelen-Dorf, umringt von Bergen. Jeder grüßt und wird gegrüßt. Und ab und zu, aber mit absoluter Sicherheit, muss angehalten werden, um mit einer wichtigen Person zu reden und sie intensiv zu grüßen. Wir schlängeln uns langsam und hupend durch die engen Gassen der Lehmhütten.

Das Chaos-Kommando
Je näher wir an den Park gelangen, desto mehr bekannte Kindergesichter tauchen auf, die uns skateverrückt hinter der Karre her rennen. Endlich angekommen, bekommt man die Tür vom Auto schon gar nicht mehr auf, vor lauter Kindern, die sich die Nasen an der Scheibe plattdrücken! …ein schönes Gefühl. Aber die große Anzahl der Kids stellte auch das anfängliche Problem dar. Wenn 30 Kinder skaten wollen, du nur effektiv höchstens acht fahren lassen kannst und die restlichen auf der Bahn rum speeden und versuchen den Skatern das Deck unterm Hinter weg zu ziehen ist das CHAOS!!!!!

Erste Talente im skate-aid Park von Karokh
Unsere anfängliche Idee, das Skaten während der Schulzeiten jedem zugänglich zu machen, haben wir ja Gott sei dank schnell wieder verworfen. Mittlerweile gibt es sechs Jungs, die Talent haben und auch fleißig mitmachen. Auf die werde ich mich jetzt konzentrieren. Irgendwann wenn die’s drauf haben, werden sie es den andern im Idealfall beibringen.

Wir werden jetzt immer nach dem Schulunterricht am Nachmittag anfangen und für etwa drei Stunden bleiben. Länger können wir leider nicht, da es hier schon um 18 Uhr dunkel wird und damit auch gefährlich. Wir waren gestern zum vierten Mal am Start, um zu Unterrichten und die Jungs lernen wirklich extrem schnell. Sie haben es voll auf die Minipipe abgesehen und man sieht schon drop in’s, turns and rock n roll’s…also thanxx an Zobair, Marc und Titus für den Park!!!


Maurice Ressel, unser skate-aid Aktivist in Karokh, Provinz Herat, Afghanistan, September 2010

Begeisterung auch bei den Älteren
Die Älteren aus der Umgebung schauen sich die Kids aus dem sicheren Schatten der Schule an und trinken ihren Tee. Selbst die Lehrer der Schule schmeißen sich auf die Decks und wollen’s lernen. Auf mehrfache Bitten, hab ich einem ein Safety Set plus Skateboard zum Üben da gelassen…mal schauen was draus wird. Das gleiche habe ich auch mit zwei der besten Jungs vor. Nasier und Malieb sind tolle Burschen. Wenn sie eigene Skateboards bekommen und weiterüben, können sie die anderen richtig mitziehen. Darum werde ich ihnen nächste Woche den Stuff da lassen…in der Hoffnung, dass es von den älteren nicht geklaut wird!

Auch ein schönes Erlebnis war es gestern, mit dem Bürgermeister von Karokh in seinem Office ein paar Worte zu wechseln und ein offizielles Willkommen zu empfangen. Er achtet unsere Arbeit und glaubt, dass unser Projekt Erfolg haben wird.

Sooo….wir müssen leider bis Sonntag ne Zwangspause einlegen. Am Samstag ist die Schule voller Soldaten, da sie zu einem Wahllokal umfunktioniert wird. Ich wünsch euch allen eine schönes Wochenende….

…..staubige Grüße von den “Afghan Dogs“ :
Nasier, Farid the talib, Umid, Nuragha, Malieb, Halim und Maurice