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Titus in Karokh
10. bis 14. Oktober 2010

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Titus mit der Skateboardposse von Macroyan. Der trockene Springbrunnen in Kabul, in dem alles begann.

Das Fliegen in Afghanistan ist schon eine zeitaufwendige Angelegenheit. 3-4 Stunden vor dem Abflug sollte man schon am Flughafen sein, denn es entstehen sehr viel mehr und längere Warteschlangen wegen der zusätzlichen Sicherheitskontrollen. Es ist jedoch kein relaxtes Schlangestehen, sondern härtester Kampf um jeden Meter mit dezentem Körpereinsatz angesagt. Wer nicht mitmacht, muss halt noch mehr Zeit einplanen. Wenn man dann noch den meist bis zu 2 Stunden verspäteten Start hinzurechnet, ist fast ein normaler europäischer Arbeitstag dahin.

In Kabul wartete Mirwais Mohsen auf uns und konnte es kaum erwarten, uns von seinen vielen neuen Plänen mit skate-aid zu erzählen.

Da in den Waisenhäusern und am Brunnen in Macroyan keine regelmäßige Skateboardschulung mehr stattfindet, möchte Mirwais dieses Engagement auf den Straßen von Kabul wieder zum Leben erwecken.

Wir fuhren vom Flughafen direkt nach Macroyan, wo alles in einem trockenen Springbrunnen begann, wo wir im Januar 2009 die ersten Skateboards der Titus-Spendenaktion ausgegeben haben und wo N24 mit uns die Doku gefilmt hat.

Beim Einparken stand plötzlich ein junger Afghane vor unserem Wagen, zeigte mit dem Finger auf mich und an den Lippen konnte ich ablesen, dass er mit großen Augen und großem Erstaunen „Titus“ rief. Es war Mirwais Ahmad, damaliger Skateboardlehrer und inzwischen einer der besten Skateboarder Kabuls.

Es dauerte nicht lange und viele mir bekannte Kindergesichter lachten mich an. Sogar das süße kleine skatende Mädchen, das 2009 als wunderbares Foto- und Filmmotiv um die Welt ging, freute sich auf die bevorstehende Session. Sie stürmte sofort nach Hause, um sich passende Schuhe zu holen und das herrliche Gefühl des Skatens wieder zu erleben. Wir packten die Skateboards aus und schon war der Brunnen von Macroyan belebt wie in alten Zeiten.

Wir zeigten stolz die Fotos aus Karokh und Mirwais Ahmad konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als wieder Skateboard Lessions geben zu dürfen, statt am Straßenrand Autos waschen zu müssen. Maurice hat jedenfalls wieder super Bilder schießen können und ein Gruppenfoto zur Erinnerung ist auch dabei.

Bei so viel Action geht der Tag schnell rum und Mirwais organisierte Maurice und mir eine Bleibe für die Nacht und damit ein Erlebnis der ganz anderen Art.

Wir hielten vor einem Hochsicherheitstrakt mit Wachturm und viel Stacheldraht. Ein kleines Schiebefenster öffnete sich nach dem Klopfen, und schon standen wir in einer Sicherheitsschleuse. Mir fiel direkt ein stabiler Spint mit kleinen Fächern oben und hohen Fächern unten auf. Nachdem ein Gast beim Eintreten wie selbstverständlich seine Pistole in eines der kleinen Fächer legte und mit dem bereit liegenden Vorhängeschloss sicherte, war mir klar, die unteren Fächer sind für die Gewehre der Gäste. Wir waren in einer weiteren Parallelwelt Kabuls gelandet, in einem Gästehaus, das sich „Kabul Health Center“ nannte.

Aus der Schleuse traten wir in einen Innenhof mit einem ausgewachsenen Springbrunnen im Zentrum. Auf der umliegenden Wiese standen im Halbkreis diese typischen, mit orientalischen Teppichen ausgestatteten, überdachten Liege- bzw. Sitzgruppen. Im ersten Stock des Gebäudes strampelten Menschen in einem Fitnesscenter. Das muss man erst mal verarbeiten.

Deshalb fiel mir auch erst etwas später auf, dass alle Gäste verunsichert in unsere Richtung starrten. In unserem traditionellem afghanischen Outfit waren wir in dieser „Westoase“ ein absoluter Störfaktor und nicht zu zuordnen. Selbst der Chef mit weißer Jeans, schwarzer Lederjacke und Baseballcap legte noch eine Schaufel Arroganz drauf, um seine Unsicherheit zu überspielen. Wenig später war mir klar warum. Das Tor der Zufahrt öffnete sich kurz, ein Wagen fuhr bis in die hintere Ecke des Hofs und ganz dezent auffällig unauffällig wurden Palletten mit grünen Dosen entladen. Das konnte nur Bier sein und für so was landet man jahrelang im Knast, wenn man erwischt wird von so einem Turbanträger wie mir. Kleider machen Leute!

Und in Kabul ist unsere traditionelle Kleidung vielleicht doch nicht so angebracht. Schon der Tankwart hatte Mirwais gefragt „Wo kommt der Mullah her?“, als er mich auf seinem Beifahrersitz entdeckte.

Mirwais verschwand für einige Stunden zum Rockkonzert seiner Band und verbrachte den restlichen Abend mit uns als neues skate-aid Teammitglied in intensivsten, visionären Zukunftsgesprächen.

Eins ist jetzt auf alle Fälle sicher:
skate-aid wird die Aktivitäten von Mirwais unterstützen, damit die „Brunnen-Kids“ von Macroyan wieder zum Skaten kommen und die Kinder in den Waisenhäusern mit Hoffnung auf vier Rollen versorgt werden!

Gruß aus Kabul,
Euer Titus


 

Blog Nr. 4: Herat, Mittwoch, 13. Oktober 2010

With a little help from my friend
Titus mit den Kids von Karokh in unserem skate-aid-Park

Mit Spannung und etwas Nervosität sind wir schon um 6:30Uhr aus den Federn, um jede Minute des für skate-aid so bedeutenden Drehtages mit dem ZDF zu nutzen. Und wir waren mehr als pünktlich in der Hotellobby des TV-Teams.
Hätten wir uns aber sparen können, denn das Team stand am Flughafen, um ihren Chef Uli Gack abzuholen. Diesmal waren es sogar spannende 1,5 Stunden Verspätung mit vielen verwirrenden Versuchen, einen neuen zeitsparenden Treffpunkt zu vereinbaren.

Nach heftiger Kontrolle durch das afghanische Militär unterwegs, waren wir dann gegen 11:00Uhr endlich am Skatepark in Karokh. Da Zobair von unterwegs organisiert hat, dass der Mädchenunterricht so lange verlängert wird, bis wir die Aufnahmen im Unterricht im Kasten haben, war die Verspätung kein Problem.

Sogar der Schulminister des Distrikts ließ sich diese Attraktion nicht entgehen und musste natürlich, genau wie der Schuldirektor interviewt werden, damit kein Gesichtsverlust stattfindet.

Während die Mädchen bei den Aufnahmen im Unterricht extrem zurückhaltend und scheu waren, drehten sie nach Schulschluss auf dem Skatepark so richtig auf. Wir alle waren so was von begeistert, hunderte von fröhlichen und ausgelassenen Mädchen mit leuchtenden Augen zu sehen. Die Skateboards haben sie förmlich verzaubert.
Nachdem sie ausgiebig alleine, zu zweit oder sogar zu dritt mit den Skateboards die Banks berodelt hatten, versuchten die ersten auch drauf zu stehen.

Es war sehr schwer für mich, Zobairs ausdrücklichen Rat einzuhalten, die Mädchen beim Unterrichten auf keinen Fall zu berühren.
Also kontrollierten wir das Brett mit der Hand und schoben sie im Entengang (der Muskelkater davon quält mich noch immer) über den Platz, soweit das Chaos es zuließ.

Umso mehr stand ich hilflos da, als ein auf dem Brett strauchelndes Mädchen nach meinen Händen griff und Halt suchte. Was soll man da machen? Lässt man los, fällt es auf die Schnauze. Hält man fest, gibt es vielleicht ordentlich Ärger mit den Eltern. Ich habe mich für den Ärger entschieden, der dann Gott sei Dank ausblieb.

Das ZDF Team war mehr als begeistert über die einmaligen Bilder, die sie eingefangen haben und auch Zobair, Maurice und ich waren glücklich und spürten den Lohn unser aller Arbeit hautnah.

Als die ersten Jungs zur Nachmittagsschule kamen, wurde die Situation noch unruhiger, da die Jungs einen fast aussichtslosen Kampf um die Skateboards starteten. Mann, wird da eine Energie freigesetzt. So intensiv erlebt man das in unserer übersättigten Gesellschaft nicht mehr.

Nachdem die Mädchen den Heimweg und die Jungs den Unterricht angetreten hatten, luden die Offiziellen erst mal zu einer Teepause ein. Der Schuldirektor hatte Klassentische und Schulbänke ins schattige Freie bringen lassen, der Tee stand bereit und die Gastgeschenke für Uli Gack, Zobair und mich wurden überreicht. Die Ruhe mit gepflegter Plauderei tat mal richtig gut nach dieser Action.

Der Nachmittag gehörte dann den Jungs und zwar speziell dem von Maurice aufgebauten Skateboard-Club, der vom Unterricht dafür befreit wurde. Auch das hat wunderschöne bewegte Bilder hinterlassen. Gemischt mit vielen Interviews mit uns allen.

Der gesamte Drehtag ist so perfekt verlaufen, dass wir früher als geplant den Heimweg antreten konnten. Für Maurice war es ein schwerer Abschied von seinem lieb gewonnenen Skateboardteam.
Im Hotel angekommen, waren Maurice und ich so fertig, dass uns einfach nur die Augen für eine Stunde zugefallen sind.

Das gemeinsame Abendessen mit dem ZDF-Afghanistan-Team hat uns noch einige interessante Einblicke in die Situation hier gewährt. Unser Gefühl der jährlichen Verschlechterung der Sicherheitslage wurde bestätigt und selbst der Westen Afghanistans scheint sich diesbezüglich den anderen umkämpften Provinzen anzunähern.

Das war auch heute wieder deutlich sichtbar durch die auffällige Präsenz des Militärs in und um die Stadt herum. Grund war der Bombenanschlag der letzten Tage in der Nachbarprovinz auf die Italiener mit vier Toten.

Morgen schlägt sich das ZDF-Team zur iranischen Grenze durch, wo ein LKW mit 90 Tonnen TNT-Sprengstoff an Bord bei Grenzkontrollen entdeckt und festgesetzt wurde.

Maurice und ich dürfen jedoch morgen früh den Heimweg antreten und unser neues geplantes skate-aid Projekt in Kabul organisieren. Vier Skateboards mit Schonern, Helmen, Schuhen und vielen Ersatzteilen nehmen wir mit, um in Kabul den Grundstock zur Skateboardschulung in den Waisenhäusern zu legen. Wir freuen uns auf unseren neuen und engagierten skate-aid Aktivisten Mirwais Mohsen.

Gruß aus Herat, Euer Titus.


 

Herat, Dienstag, 12. Oktober 2010

Wir sind das Volk.
Titus im Gespräch mit den Menschen in Karokh

Beim Aufwachen schießt mir durch den Kopf: „Hochzeitstag!!!“, aber noch viel zu früh für einen Anruf. Hoffentlich vergess ich das nicht in der Hektik des Tages.

Ohne wirkliche Aufgabe wegen der ständigen Verschiebung des ZDF-Drehs fühlt man sich hier irgendwie fehl am Platze. Die Zeit für einen Kurzerholungstag zu nutzen geht halt nicht in diesem Land. Kein Pool, kein Straßencafé zum Schöne-Frauen-Glotzen, kein Strand, kein Schnee, kein Luftkurort . Also E-mails checken, dumm labern, die 150. Runde um den Block drehen und auf Zobair warten, der endlich gegen Mittag auftaucht.

Als erstes setzen wir ihn zum Preisfeilschen ein, um eine geile uralte doppeläugige Mamiya (Kamera) zu ergattern in dem Kamera-Kramerladen, den wir bei einem der Rundgänge entdeckt hatten. Leider sind wir uns nicht einig geworden. Und lassen ihn bis zu unserem nächsten Aufenthalt schmoren.

Dann haben wir den gesamten Skateboardbestand aus Zobairs Kofferraum in unser Zimmer verfrachtet und hatten endlich wieder eine Aufgabe für die nächsten Stunden: skate-aid Logo auf Skateboardgrips sprühen und skate-aid Sticker auf die Helme kleben. So ähnlich hat das alles vor über 30 Jahren auch mit der Marke Titus angefangen.

Zum Abendessen brachte uns Zobair in ein Restaurant auf einem Berg mitten in einem Friedhof. Bei fast 30 Grad im Schneidersitz auf einer bettmäßig aussehenden, mit Teppich und Kissen ausgestatteten Fläche, im Freien, mit herrlichem Blick über die Stadt, lässt es sich wirklich sehr gut aushalten.

Beim Essen erfuhren wir von Zobairs Kampf mit dem Schulministerium, die Mädchenfilmerlaubnis klar zu machen und von seinem Traum, wieder nach Deutschland zu ziehen. Irgendwie landeten wir bei der Alternative, gemeinsam eine Skateboard- und Bekleidungsindustrie in Herat hoch zu ziehen und mit Zobair als Fabrikdirektor den weltweiten Skateboardmarkt zu versorgen.

Dann endlich kam das Telefonat von den ZDF-Jungs mit der Info, dass der Teamchef (Uli Gack) sich schon von Masar-e Scharif bis Kabul durchgeschlagen hat und morgen mit der Frühmaschine in Herat landet. Der Dreh kann also doch noch nach Plan ablaufen.

Danach rief noch Mirwais Mohsen, unser neuer skate-aid Aktivist aus Kabul an und bestätigte, dass er uns am Freitag vom Flughafen in Kabul abholt.

Und an den Anruf zum Hochzeitstag habe ich auch noch gedacht.

Irgendwie läuft mir das momentan zu rund und ich fühle mich unwohl.

Lieben Gruß aus Herat, Euer Titus.
 


 

Herat, Montag, 11. Oktober 2010

Die Hoffnung kommt ins Rollen.
Titus und die Kids von Karokh in unserer skate-aid Anlage

Den Montagmorgen konnten wir wegen der Verschiebung des ZDF-Drehs erst mal langsam angehen.

Der Tag begann mit einer weiteren Überraschung: Deutsche Stimmen im Frühstücksraum! Ein europäisch gekleideter Mann mit einer islamisch verschleierten Frau. Das macht natürlich wieder neugierig. Es handelte sich um eine kleine gemischte Touristengruppe zweier Islamwissenschaftler, die voller Begeisterung über die positiven Erfahrungen ihrer Afghanistanrundreise berichteten. Beide empfanden einen großen Gegensatz zwischen dem dunklen Vorurteil, hervorgerufen durch die negativen Presseberichte in Deutschland und dem hellen Erlebnisbild der Realität.

Zurück im Zimmer klingelte das Telefon und der ZDF-Mann vom Flughafen informierte mich, dass der Dreh noch mal um einen Tag auf Mittwoch verschoben werden muss. Aber immerhin: Zwei Mitglieder des ZDF-Teams sind ja schon mal hier. Er hatte auch schon mit Zobair telefoniert und äußerte noch mal seine Wünsche, bzgl. der Bilder, die er gerne einfangen würde.

Maurice und ich haben uns dann hingesetzt und einen Vorschlag für einen Drehplan geschrieben. Dabei haben wir festgestellt, dass das Ganze jetzt sehr straff und gut geplant werden muss, da ja nur noch ein Drehtag zur Verfügung steht. Morgens von 8 bis 12 Uhr haben die Mädchen und nachmittags von 13 bis 17 Uhr die Jungen Schule.

Daher können gewisse Aufnahmen halt nur morgens gemacht werden. Wie zum Beispiel die Aufnahmen von lernenden Mädchen. Aber auch die Aufnahmen mit den Jungs des Skateboard-Clubs sind nur morgens möglich, da sie ja nachmittags Unterricht haben. Deshalb haben wir die Interviews auf den Nachmittag gepackt.

Das größte Problem wird die Erfüllung des Wunsches werden, Mädchen und Jungs gleichzeitig beim Skateboarden zu filmen. Zum Einen muss Zobair noch beim Schulministerium der Provinz die Erlaubnis einholen, dass die Mädchen überhaupt gefilmt werden dürfen. Zum Anderen stehen beide Gruppen ja nur beim „Geschlechterwechsel“ zwischen 12 und 13 Uhr zur Verfügung. Das sind aber viele Hunderte, wenn nicht über 1.000 chaotische, unkontrollierbare Kids auf einem Haufen in einem kleinen Skateboardpark. Keine Ahnung wie das funktionieren soll.

Obwohl Zobair sehr im Stress war, nahm er sich dann noch die Zeit und half uns beim Lösen des üblichen Ticket-Problems. Schnell stellte sich heraus, dass wir wieder einmal Tickets (Herat-Kabul) für Flüge hatten, die gar nicht existieren.
Also wieder mal nach nebenan zur nächsten Airline und neue Tickets kaufen.

Auf dem Rückweg mitten im Kreisverkehr dann ein mächtiges Polizeiaufgebot und auch wir wurden angehalten und kontrolliert. Grund waren die drei Morde des Vortages, von denen wir bisher noch gar nichts mitbekommen hatten.

Wieder im Hotel haben wir die Mails gecheckt und auf meinem Laptop gab es eine freudige Überraschung. Mirwais Mohsen, ein ehemaliges Mitglied von Skateistan, hat mich angeschrieben und sucht nach Unterstützung.

Nachdem sich Skateistan vom Skateboardunterricht aus den Waisenhäusern Kabuls komplett zurück gezogen hat, führt Mirwais diese Aufgabe in Eigenregie weiter - damit auch die Ärmsten unter den armen Kindern weiter Aussicht auf etwas Hoffnung auf vier Rollen haben. Er steht vollkommen alleine mit dieser Aufgabe und benötigt dringend Skateboards, usw.

Genau solche Projekte zu unterstützen, ist die Aufgabe von skate-aid! Er, der ideale, erfahrene afghanische Skateboardlehrer, könnte unser Mann der Zukunft werden, für das Projekt hier in Karokh. Das passt mal richtig gut zusammen. Wir werden Mirwais auf dem Rückflug in Kabul treffen und die Zukunft planen.

Als wir von Zobair zum Abendessen abgeholt wurden, saß er im Auto und führte ein ernstes, stressiges Gespräch. Es war der Sportminister, der erfahren hatte, dass wieder jemand von skate-aid in Karokh sei.

Schon beim Bau der Anlage hatte er Marc Zanger (skate-aid Aktivist) und Zobair stark unter Druck gesetzt. Unmissverständlich hatte er klar gemacht, dass skate-aid noch eine Skateboardanlage in Herat finanzieren müsse - unterstützt durch die Androhung, ansonsten den Bau in Karokh zu verhindern.
Zobair hatte ihn damals mit einer vagen Hoffnung hin gehalten und damit den Bau vollenden können.

Ausgerechnet heute, vor dem ZDF-Dreh, war die Nachricht von Maurice’ Anwesenheit bis ins Ministerium durchgesickert.
Dabei muss man wissen, dass das Ministerium darauf besteht, das Geld zu kassieren, um dann für die Realisierung alleine verantwortlich zu sein. Wir wären dann ganz draußen und ob eine Realisierung stattfinden würde, steht mehr als in den Sternen bei dieser öffentlichen Korruption hier.
Zobair hat ihm klar gemacht, dass nur ein Skateboardlehrer hier sei und der Entscheider noch in Kabul ist.

Deshalb darf ich mich nicht vor dem Drehtag in Karokh blicken lassen. Das könnte den gesamten Dreh gefährden. Wir werden mit dem Überraschungseffekt arbeiten und sind am nächsten Tag dann schon wieder weg.

Im Laufe des Abends sind wir noch mit Zobair den Drehplan durchgegangen. Er scheint grob zu passen. Aber was lässt sich hier schon exakt planen?

Als letztes muss ich noch die Story loswerden, die Zobair auspackte zur Taxifahrt von Rupert und mir in Kabul bei unserem letzten Besuch hier:
Rupert und ich hatten uns extra bei Zobair erkundigt, wieviel die Taxifahrt vom Flughafen zum Hotel in Kabul kosten darf. Er nannte uns umgerechnet einen Betrag um die 5,- Dollar. Irgendwie hatte der Taxifahrer aber das Preisangebot von Rupert nicht so richtig verstanden und wollte am Hotel dann erheblich mehr haben.

Da Rupert ihm nur die 5,- Dollar gab und los marschierte, wurde der Typ extrem aggressiv und wütend und schmiss mir das Geld vor die Füße. Um Ruhe zu haben, hob ich das Geld auf und gab ihm das Doppelte. Das reichte ihm aber immer noch nicht und er beschimpfte mich weiter. Da hatte auch ich die Schnauze voll und ging ins Hotel. Allerdings kam der Taxifahrer laut schreiend hinter uns her und versuchte den Hotelmitarbeitern klar zu machen, dass wir ihn beschissen hätten.

Nach endloser Diskussion nahm ich mein Handy und rief Zobair an. Der sprach nur ganz kurz mit ihm und schon war der Taxifahrer relativ ruhig, gab mir das Telefon zurück und verließ leise fluchend das Hotel. Jetzt weiß ich auch wieso.

Der Taxifahrer begründete den hohen Preis mit den Flughafengebühren und der Steuer. Zobair tat so, als sei er einer der Flughafenchefs und bot ihm an, doch am nächsten Tag in seinem Büro vorbei zu schauen. Er sei am nächsten Tag zufällig in Kabul und würde ihm Gebühren und Steuer erstatten, wenn er ihm die Zahlungen nachweise.

Wie clever muss man eigentlich sein, um hier überleben zu können?

Euer Titus aus Herat.


 

Herat, Sonntag, 10. Oktober 2010

Auf die Freude, los!
Die Kids von Karokh in unserer skate-aid Anlage

Der Hinflug ist nun langsam Routine und selbst Verspätungen von zwei Stunden beim Umsteigen in Kabul regen mich nicht mehr auf. Man gewöhnt sich halt an vieles.

Ganz was anderes erregte meine Aufmerksamkeit. Ich meinte deutsche Satzfetzen gehört zu haben, konnte sie aber nicht richtig zuordnen. In Kabul selbst ist es keine Seltenheit Deutsche zu treffen, aber in Herat sind mir noch nie welche über den Weg gelaufen.

Beim Warten auf das Gepäck im Stacheldraht umzäunten Open Air Baggage Claim von Herat hörte ich sie dann wieder, die deutschen Sprachfetzen und meine Neugierde, was wohl ein Deutscher hier in Herat so treibt, ließ mich ihn fragen. Er antwortete jedoch ganz cool mit der Gegenfrage, was ich denn hier so mache. Nachdem ich es ihm erklärt habe, meinte er nur: „Dann werden wir uns ja bald wieder sehen“.

Es war der Producer des ZDF-Teams, das am nächsten Tag den Dreh an unserem skate-aid- Park in Karokh beginnen wollte. Allerdings, so erfuhr ich, hängt der Teamchef wieder mal in Kundus fest, der Dreh wird von Montag auf Dienstag verschoben. Vorsichtshalber habe ich ja drei Tage eingeplant, was extrem sinnvoll war, wie sich später noch heraus stellt.

Bepackt mit zwei großen Taschen voller Skateboards, Helme, Schutzausrüstung und Schuhen schleppte ich mich über die Schotterwege bis zur Hauptstraße. Näher ran kommen die Autos zum Abholen halt nicht wegen der hermetischen Abriegelung aus Sicherheitsgründen. Die kleinen Jungs mit ihren Schubkarren freuen sich allerdings darüber, denn so fällt doch der ein oder andere Transportauftrag an. Keine Ahnung, weshalb ich mir die Schlepperei jedes Mal wieder antue. Das ist wohl weniger die Sparsamkeit, sondern eher das Vorbild von Rupert Neudeck (Kooperationspartner Grünhelme e.V.), der das aus Prinzip eisern durchzieht.

Zobair (Projektleiter Grünhelme in Herat) und Maurice (skate-aid Aktivist) warteten wohl schon etwas länger auf der anderen Straßenseite. Schnell war das Gepäck verstaut und die für mich so wichtige Fahrt mit Zobairs traditionellen Lifenachrichten konnte beginnen.

Doch diesmal hatte zunächst Maurice Spannendes zu berichten:
- Eine Fastfestnahme von Maurice weil er keinen Pass dabei hatte und der Polizei seine afghanische Verkleidung etwas verdächtig erschien.
- Eine Anti-USA-Demonstration bei der scharf geschossen wurde und die Straßen plötzlich leer gefegt waren, bis auf das Auto von Zobair und Maurice, das nur im schnellen Rückwärtsgang in Sicherheit gebracht werden konnte.
- Eine Autobombe, die nur wenige 100m vor ihm explodiert ist.

Zobair berichtete dann von einem tragischen Ereignis: vom Dorfchef, der am Vortag auf offener Straße erschossen wurde - genau an der Stelle wo Zobair und Maurice morgens auf dem Weg nach Karokh die Melonen kaufen.

Und schon hatte ich wieder sehr viel Respekt vor den nächsten Tagen. Ich vermute, dass Zobair mir absichtlich diese Nachrichten so demonstrativ erzählt, damit ich vorsichtig bin und auf seine Empfehlungen höre.

Zobair brachte uns zu dem neuen und günstigeren Hotel, in das Maurice schon vor Wochen umgesiedelt war. Hier habe ich im April schon mal übernachtet, aber dann wurde es wegen eines Überfalls für ein paar Monate geschlossen. Wo vor dem Überfall nur ein Bewaffneter am Eingang stand, stehen jetzt nach der Renovierung halt fünf.

Den Abend haben wir dann mit der Sprühdose verbracht und auf allen Skateboardgrips das skate-aid Logo aufgesprüht. Das muss doch schließlich auch zu sehen sein, wenn das ZDF Heute Journal oder Auslandsjournal über unser Projekt berichtet.