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Titus Dittmann reist nach Karokh
Zeitraum: 6. bis 13. September 2010


 

Sonntag, 12. September 2010

Man sollte in Afghanistan nur noch an wichtigen Feiertagen reisen. Einfach unfassbar: Über leere Straßen zum Flughafen von Herat, keine Schlangen an den Sicherheitskontrollen, das Einchecken in Sekunden. Da unser Flieger wohl auch der einzige an diesem Morgens war, hatten wir auch keine Sorge im falschen Flugzeug zu landen, so wie beim letzten Mal.

Deshalb haben wir auch den Ärger schnell vergessen, dass wir trotz eines gültigen Tickets von „Ariana Airlines“, ein neues Ticket bei „Pamir Airlines“ kaufen mussten, weil „Ariana“ ihren Flug einfach gecancelt hat, da sie wegen der Feiertage nicht genug Plätze verkauft hatten. In Kabul ging es dann so angenehm weiter ins Hotel. Einen Nachteil hatte allerdings die fast autoleere Stadt: Es wurde noch deutlicher, dass Kabul langsam im Müll, Schutt und Dreck erstickt. Wegen der fehlenden Abgase, die sonst alle Gerüche überdecken, wurde die stinkende Kloake des Flusses mitten durch Kabul zur Geruchsbelästigung. Gott sei Dank müssen wir nur eine Nacht hier aushalten.

Das Highlight des Tages war die Begegnung mit Ibrahim. Ein sehr engagierter Journalist, den ich vor einigen Monaten in Köln bei einem afghanischen Filmfestival kennen gelernt habe. Vor dem Abflug in Herat kam ich noch auf die - wie sich im Nachhinein herausstellte glorreiche Idee - mich mit ihm zu verabreden.
Denn es ist immer wieder extrem spannend aus erster Hand und authentischer Quelle, Einschätzungen zur Lage Afghanistans zu erhalten. Ibrahim bestätigt wie so viele andere, dass nach der realistischen Euphorie vor ca. fünf Jahren nun kaum noch Hoffnung auf ein friedliches und geeintes Afghanistan besteht.
Die Amerikaner und auch unsere Truppen haben wohl so ziemlich alles falsch gemacht und jegliches Vertrauen der Bevölkerung verloren. Hinzu kommt, dass die bestehende Regierung ebenfalls jedes Vertrauen verspielt hat und jeder weiß, dass alle Minister- und Parlamentsposten nur zum korrupten Absahnen benutzt werden.
Ibrahim sieht die einzige Chance in einer Teilung des Landes und die Begründungen hörten sich verdammt logisch an. Afghanistan war nie ein einheitliches und schon gar nicht ein natürlich gewachsenes Land. Es wurde damals künstlich von Russen und Engländern als Pufferzone zwischen ihren Machtbereichen geschaffen. Der Norden und der Süden unterscheiden sich nicht nur ethnisch sehr stark, sondern auch sprachlich.

Aber immerhin gibt es im Rückblick ja die Erfolge in Karokh, die am Ende meiner vierten Afghanistan-Reise doch ein positives Gesamtbild bei mir hinterlassen. Die Freude der Kids war deutlich spürbar und vor allem unüberhörbar. Und diese Eindrücke überwiegen, trotz der ernüchternden Gesamtsituation.

Morgen dann noch der Flug zurück nach Frankfurt und ich kann endlich wieder in meinem eigenen Bett schlafen.

Euer Titus aus Kabul


 

Samstag, 11. September 2010

Nach der ZDF-Absage hat sich Zobair nicht nur wegen der Feiertagsproblematik, sondern vor allem wegen der angespannten Sicherheitslage vor den Wahlen entschlossen, die Skatepark-Eröffnung ohne Ankündigung und im absolut lokalen Rahmen von Schule und Ortsteil durchzuführen - ohne Beteiligung von Politik und Verwaltung.

Also saßen wir um 10 Uhr ohne irgendeine Vorankündigung im Auto Richtung Karokh. Noch nicht einmal die Schüler und Dorfbewohner waren vorgewarnt, was aber kein großes Problem darstellte. Wie Zobair vorhergesagt hat, sprach sich die Kunde unserer Ankunft sehr schnell rum und das nicht nur bei den Schülern. Nach dem üblichen Kampf jemand mit dem Schlüssel des Eingangstores zu finden, waren auch schon ca. 20 Jungs und ca. 10 Mädchen versammelt und auch Vertreter der Schule und des Dorfes tauchten auf.

Die Kinder und Jugendlichen waren so heiß aufs Skaten, dass wir ihnen nachgaben und erst mal die Skateboards ausgepackten. Das erwies sich etwas später als großer Fehler. Aus meiner Zeit der Contest-Organisation hätte ich wissen müssen, wie schwer es ist, die Eigendynamik einer skatenden Gruppe zu unterbrechen - und dann auch noch für eine Eröffnungszeremonie.

Irgendwann ist es uns gelungen, aber die Unruhe dieser aufgeheizten Meute lies eine Einweihungsstimmung nur schwer aufkommen. Trotzdem haben Rupert und ich es noch geschafft, durch einige gebührende Worte einen Einweihungsakt daraus zu machen. Zobair hat fleißig übersetzt und konnte den letzten Satz: „Und hiermit geben wir diesen Park zum Skaten frei“ kaum zu Ende sprechen ohne unterzugehen im Geklatsche, Gekreische und Ansturm auf die bereit gestellten Boards. Allein dieser Moment ungebremster Freude und Begeisterung war für alle am Bau Beteiligten die größte Belohnung.

Maurice hat mit der Filmkamera alles gegeben und tolle emotionale Momente eingefangen, die ich natürlich morgen im Gepäck habe, damit wir sie nach meiner Ankunft sofort auswerten können.

Wo ich gerade von Reise spreche, kommt die Erinnerung an einen tragischen Verkehrsunfall hoch, den wir heute Morgen auf der Fahrt nach Karokh erleben mussten. Leider kommt es bei dem chaotischen Verkehrsverhalten hier immer wieder zu Unfällen mit schweren Verletzungen und Todesfällen. Ampeln existieren zwar vereinzelt, werden aber voll ignoriert. Vorfahrtsregeln an Kreuzungen sind nicht erkennbar. Jeder schiebt sich in die nächste Lücke, die entsteht. Natürlich immer mit Hupen, damit man bemerkt wird.

Selbst bei durch Betonwände getrennten Fahrspuren muss man mit Gegenverkehr rechnen. Auf den schnelleren Ausfallstraßen wird es dadurch gerade für die Motorradfahrer gefährlich, die über die Hälfte der Verkehrsteilnehmer ausmachen. Dabei muss man erwähnen, dass hier ein Kleinmotorrad in der Regel mit drei Erwachsenen und manchmal sogar mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern besetzt ist, wobei Kleinkinder auf den Tank vor den Fahrer gesetzt werden.

Eine solche Konstellation ist heute Morgen in der Beifahrerseite eines Autos gelandet, welches noch schnell die Straße queren wollte. Mehr möchte ich davon gar nicht berichten. Es reicht, wenn bei mir ständig dieses Bild wieder hochkommt. Nach diesem Erlebnis hatten für mich die Gräber am Wegesrand nach Karokh plötzlich eine viel konkretere Bedeutung.

Euer Titus


 

Freitag, 10. September 2010

Habe meine Lesebrille am Vorabend verloren. Darum sind wir früh aufgestanden, um vor dem großen Gebet noch einen Laden zu finden.

Kein einfaches Unterfangen bei normalem Geschäftsbetrieb. Heute ein Ding der Unmöglichkeit. Alle waren - am Tag des Fastenbrechens, dem Ende des Ramadan - auf höchsten Feiertag programmiert.

Die Männer in auffallend neuen strahlenden Kitteln und sauberen Lederschuhen, die Mädchen extrem schreiend bunt herausgeputzt. Und die Jungs alle mit Knarre, Sturmgewehr oder sonstigen Schnellfeuerwaffen aus Plastik ausgestattet. Nur die Frauen mussten wohl wie immer ihre blaue Burka tragen. Die Straßen waren auffallend leer. Schon beim Aufstehen vermissten wir das gleichmäßig laute Hupkonzert der Alltags-Stadt. Auf den Straßen um die blaue Moschee verbreitete sich Volksfeststimmung. Die Kinder saßen bunt geschmückt in Miniatur-Riesenrädern und Minischiffsschaukeln, die per Hand angeschoben wurden. Esel und Pferde konnten ausgeliehen werden, Einachser-Pferdegespanne wurden mit Kids überladen, provisorische Schießstände für die älteren Kinder. Für die jüngeren an jeder Ecke eine ausgebreitete Decke, wo unzählige Knarren und Gewehre auf das Feiertagstaschengeld warteten.


Zunächst sah das kollektive Kriegsspiel noch relativ harmlos aus, aber nach einigen schmerzlichen Treffern auf Rücken und Beine wurde uns schnell klar: Die schießen tatsächlich mit Erbsen und Plastikkugeln aufeinander und verstehen auch zu treffen.

Zobairs späterer Kommentar lautete: „Und morgen steht wieder wie jedes Jahr in der Zeitung, dass mindestens zehn Kinder ihr Augenlicht verloren haben, aber keiner kapiert, dass der Krieg so nie vorbei geht.“

Beim schockierten Anblick dieser Massen an freudig Krieg spielenden Jungs sah ich plötzlich das perfekte skate-aid Werbeplakat vor mir: Auf der einen Seite eine Kollage aus vielen in die Gegend ballernden Jungs und auf der anderen Seite eine Kollage aus skatenden Kindern mit glücklichen Gesichtern.
Das zeigt ohne Worte wo unser Ziel liegt. Es wird zwar noch sehr lange dauern, bis die Kalaschnikow durch das Skateboard ersetzt ist, aber irgendwann muss man ja mal anfangen.

Also habe ich mit meiner kleinen Touristenkamera angefangen, Knarren mit Jungs dahinter zu sammeln. Das machte den Profi-Fotografen Maurice sehr unruhig. Das erste Mal in Afghanistan und gewarnt von Zobair und vielen anderen, traute er sich bisher noch nicht mit seiner fetten Kamera in die Stadt. Als einziger fällt man damit natürlich extrem auf, denn weder Touristen noch Presse zieht es nach Herat. All das spielte plötzlich keine Rolle mehr und der Fotograf in ihm bekam die Oberhand. Also sind wir zurück zum Hotel die dicke Nikon holen. Schnell begann Maurice die kleinen Jäger zu jagen und machte fette Beute. Ich freu mich auf das Plakat!

Mittags holten Zobair und Rupert uns ab und wir brachen auf, zwei der 32 von den Grünhelmen gebauten Schulen auf dem Land zu besuchen. Im ersten Dorf erinnerte man sich gerne an Joachim, der vor vielen Jahren für die Grünhelme an dieser Schule mit geschuftet, im Dorf gewohnt und sich wohl ungewöhnlich gut in die Dorfgemeinschaft integriert hatte.

Die zweite Schule kannte ich von meinem Besuch vor 1,5 Jahren und ich war erstaunt, wie gut die Bäume des kleinen Schulgartens durchgehalten haben. Immerhin müssen sie regelmäßig mit einer Handpumpe bewässert werden.

Abends haben wir dann unter offenem Himmel auf einem Teppich gesessen und gegessen und die Eröffnung für Morgen geplant. Leider musste ich allen mitteilen, dass der Korrespondent des ZDF mit der Bundeswehr am anderen Ende des Landes unterwegs sei und es für ihn keine Möglichkeit gäbe, bis Morgen hier in der Provinz zu sein. Das ZDF hofft jetzt, dass wir selbst vernünftige Aufnahmen für das heute Journal hinbekommen. Wenn nicht, haben wir halt Pech gehabt. Sie sind auf jeden Fall interessiert an unserer Arbeit und wir bleiben jetzt im Kontakt.

Viel wichtiger war jetzt erstmal die Planung, wie Maurice es schafft, so schnell wie möglich einen funktionierenden Skateboard-Betrieb auf der Anlage hin zu bekommen. Dazu hatte Zobair mal wieder eine der Situation angepasste Idee. Er hat vorgeschlagen, nicht wie geplant einen Lehrer oder den Hausmeister für die Verwaltung der Bretter und den dauerhaften Betrieb verantwortlich zu machen, sondern so eine Art Skateboard-Club mit zunächst nur 10-20 hoch motivierten Mitgliedern zu organisieren. Das hat viele Vorteile:

  • Bei 10-20 Anfängern kann Maurice schnell Struktur reinbringen, bei mehreren hundert Anfängern ist er chancenlos. Die Situation ist hier um vieles schwieriger als in Deutschland und das nicht nur wegen der Sprachbarriere. Die Sozialisation dieser Kinder ist geprägt von Krieg, Gewalt, das Recht des Stärkeren, autoritärer Erziehung und vielem mehr, das uns in Deutschland inzwischen bis auf der Situation in einigen sozialen Brennpunkten fremd ist.
     
  • Die 10-20 Mitglieder sollen auch jeweils die Verantwortung über ein Board, incl. Schutzausrüstung und Helm übernehmen. Später sollen sie ihr Board auch Neuzugängen des Vereins ausleihen. Diese Selbstverantwortung wird besser funktionieren als die Verwaltung durch einen Erwachsenen. In diesem korrupten Staat ist es normal, dass man den eigenen Neffen oder Sohn bevorzugt.
     
  • Die Eltern dieser 10-20 Jungs sollen eine Einverständniserklärung und eine Verzichtserklärung im Falle eines Unfalles unterschreiben. Nur so können wir die Gesundheit von Maurice schützen – hier wo noch Auge um Auge, und Zahn um Zahn gilt oder eine korrupte Justiz darüber urteilt.
     
  • Außerdem geht es um Skateboarding und das ist nun mal selbstbestimmt und unabhängig und später kann und soll der Club ja wachsen. Spätestens im Frühjahr 2011 steht mindestens eine Tonne Skateboards aus der Sammelaktion, die gerade in den Titus Läden läuft, dafür zur Verfügung.
     

Keine Bange, das wird schon was,
Euer Titus


 

Donnerstag, 9. September 2010

Selbst für Afghanen dieser Provinz scheint es nicht ganz klar zu sein, wann der Ramadan genau zu Ende geht. Das dreitägige Fest des Fastenbrechens beginnt um 10 Uhr morgens nach der ersten Sichtung der Mondsichel nach dem Ramadan und das ist halt je nach Längengrad unterschiedlich und in manchen Regionen nicht so klar definiert. Genau deswegen haben wir heute Morgen die Nachricht erhalten, dass das Feiern erst morgen mit dem großen Gebet um 10 Uhr beginnt und heute dann vielleicht doch noch die Eröffnung organisiert werden kann, aber frühestens natürlich am späten Nachmittag.

Maurice und ich haben spontan die Gelegenheit ergriffen und einen Vormittag touristisches Programm eingefügt. Es war wie immer ein ganz privilegiertes Gefühl sich als einziger Ausländer durch die Betriebsamkeit der engen Basare treiben zu lassen. Wir fallen doch immer wieder als Exoten auf, egal wie authentisch unsere Kleidung ist.
Trotzdem decken wir uns mit weiteren afghanischen Outfits ein und kaufen sogar zwei Paar Schlappen, damit es nicht mehr ganz so leicht ist, uns anhand der Sneaker zuzuordnen.

Das Highlight war mal wieder der Besuch der blauen Moschee. Ein krasser Gegensatz zum Lärm und zur Unruhe der Straße, insbesondere durch die Leere am Vortage des großen Gebetes.

Gegen Mittag zurück im Hotel warteten wir dann geduldig auf den Anruf von Zobair, ob es endlich los geht zur Eröffnung. Allerdings wurde wieder nichts daraus. Man muss halt bedenken, dass das Fest zum Ende des Ramadans von der Bedeutung mit unserem Weihnachtsfest zu vergleichen ist und versuch mal am Heiligen Abend die Eröffnung eines Skateparks zu organisieren. Das klappt dann schon eher am 2. Weihnachtstag.

Deswegen haben wir uns jetzt für Samstag, den 11. September entschieden. Es wird sowieso Zeit dieses Datum positiver zu belegen.

Bis zum Abendessen (im Ramadan darf man ja nur nach Sonnenuntergang essen) hatten wir noch genügend Zeit die Mails abzuarbeiten.

Es gab gute News von Jutta, unserer skate-aid Kuratorin und Presse-Agentin. Das WDR Fernsehen möchte dieses Projekt in der aktuellen Stunde vorstellen und auch WM.TV, NRW.TV und einsfestival (ARD) laden ins Studio ein, um skate-aid vorzustellen.
Das ZDF sendet möglicherweise ihren Korrespondenten, der wegen der Wahlen in Afghanistan weilt, extra für die Eröffnung nach Karokh. Wir sind gespannt ob das klappt. Schließlich liegt der Skatepark außerhalb des deutschen Mandatsgebietes. An Spannung fehlt es hier auf keinen Fall.

Maurice und ich werden jetzt erst mal aus den Erfahrungen der Skateboard-Session von gestern ein paar Skatepark-Regeln formulieren, die Zobair dann in Dari auf einen Zettel schreiben muss. Nur so wird Maurice überhaupt eine Chance haben, etwas System in die Begeisterung der Kinder zu bringen.

Ähnlich werden wir auch mit den grundlegenden Tipps für die Anfängerschulung verfahren, da Kommunikation in Englisch hier leider nur ganz begrenzt möglich ist.
Das ist aber nicht so tragisch, da ein Skateboard einen solch starken Aufforderungscharakter besitzt, dass sich das alles von alleine regeln wird.

Euer Titus aus Karokh


 

Mittwoch, 08. September 2010

Die erste Fahrt Richtung Karokh entbehrte nicht einer gewissen Spannung. Insbesondere deswegen, weil Zobair uns noch mal genau die Brücke zeigen musste, an der die Taliban die Straßensperre errichtet hatten und ihren Fluchtweg erläuterte, nach der Auseinandersetzung mit der afghanischen Polizei. Es ging dann noch ca. 20 km an Karokh vorbei weiter nach Damjoo, wo Rupert mit den Grünhelmen die mittlerweile 32. Schule in der Provinz Herat gebaut haben. Hier wartete spalierförmig schon die Eröffnungsdelegation des Dorfes auf uns.

Nach dem Schütteln unzähliger Hände der langen Empfangsreihe schritt Rupert an der vorbereiteten Stelle dann zur Eröffnungsrede und erklärte der Dorfgemeinschaft, dass das Geld für diese Schule nicht von der deutschen Regierung oder sonstigen offiziellen Stellen gekommen ist, sondern dass tatsächlich die Bürger der Stadt Bad Vilbingen im Laufe von drei Jahren dieses Geld aufgebracht haben. Der Rede des Gemeindevorstands war deutlich das dankbare Erstaunen zu entnehmen über die Berücksichtigung ihres Dorfes. Normalerweise fließen alle Unterstützungsgelder nach Kabul und die Menschen auf dem Land gehen leer aus. Die Bedeutung dieses Ereignisses war in allen Gesichtern deutlich zu lesen.

Noch sympathischer wurde der feierliche Akt allerdings dadurch, dass der Schlüssel des Raumes nicht auffindbar war, in dem die Gastgeschenke für uns vorbereitet lagen und trotz gemeinsamer Bemühungen das Schloss nicht zu knacken war. Der gewaltsame Einstieg durchs Außenfenster löste schließlich das Problem.

Auf dem Weg nach Karokh eröffnete uns Zobair, dass die Skatepark-Eröffnung wegen der zu kurzfristigen Vorverlegung doch nicht heute stattfinden kann und, dass noch nach einem Termin gesucht wird. Die Feiertage bringen halt einiges durcheinander.

Wir sind dann trotzdem hingefahren, um endlich dieses „8. Weltwunder“ (wie es der Bildungsminister von Herat beschrieben hat) vor uns zu sehen. Es war ein wunderbarer Anblick. Maurice und ich haben erst mal die Skateboards ausgepackt, um eine Runde selbst zu fahren. Allerdings hatte sich unsere Anwesenheit so schnell herum gesprochen, dass plötzlich 20-30 Kids um uns herum standen und versuchten eins von den acht neu mitgebrachten Skateboards zu ergattern.

Klar haben wir unseren eigenen Spaß zurück gestellt und erst mal die Kinder in Helme und Schoner verpackt. Wir sind auch später nur kurz zum Vormachen aufs Board gekommen und selbst nach über vier Stunden kämpften die Kids immer noch um Boards, Schoner und Helme.

Jetzt kann ich mir auch ein Bild machen, wie hart der Job von Maurice werden wird - bei fast 35 Grad in praller Sonne ohne Schatten auf Beton. Aber bald wird es ja erträglicher bevor es dann so richtig kalt wird.

Zurück in Herat und später beim Abendessen war die aktuelle Situation natürlich unser Hauptthema. Nach diesen Gesprächen habe ich den Eindruck, dass der Rückhalt der Bevölkerung gegenüber den westlichen Truppen noch einmal rapide abgenommen hat. Es werden inzwischen sogar Stimmen laut, die sagen, dass es schlimmer geworden ist, als während der sowjetischen Besatzungszeit. Zumindest für den besonders armen Teil der Bevölkerung scheint das zuzutreffen.

Auffällig ist auch, dass es in unserem Hotel außer uns so gut wie keine Gäste mehr gibt. Selbst die Inder, die bei meinem letzten Besuch noch zahlreich zum Frühstück erschienen, fehlen diesmal. Auch das zeigt, dass sich die verschärfte Sicherheitslage wohl rumgesprochen hat.

Morgen beginnen die Feiertage gegen 10 Uhr mit den Gebeten. Deshalb werden wir beide morgen etwas früher aufstehen, um vorher noch schnell ein paar neue afghanische Kittel zu shoppen. Wir wollen ja schließlich nicht mit westlicher Kleidung auffallen.

Liebe Grüße aus Herat
Euer Titus


 

Dienstag, 07. September 2010

Die Fliegerei lief erstaunlich glatt bis auf das Warten in Kabul am Gepäckband. Nach zwei Stunden war das Gepäck endlich komplett. Glücklicherweise wurde der Anschlussflug nach Herat verschoben, sonst hätten wir keine Chance gehabt.

In Herat erwartete uns neben dem üblichen Chaos ein erstaunliches Angebot an Militär. Wir hatten schon in Kabul das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Alle Offiziellen waren etwas hektisch und sowohl in Kabul, als auch in Herat stand neben Militär auch ein Rotkreuz-Flieger in Bereitschaft.

Zobair Akhi, der Projektleiter der Grünhelme in Afghanistan, hat uns wie immer abgeholt und gleich aufgeklärt. Es ist Endphase im Wahlkampf und irgendein Regierungsmitglied saß bei uns in der Maschine.

Auf dem Weg in die Stadt wurden wir dann auch gleich in den ungeheuerlichen Alltag hier eingeführt. Fakt ist, dass es nun in Herat mit der Ruhe so ziemlich vorbei ist. Eine Ministerin wurde mit einigen Familienmitgliedern in der Nähe des Flughafens enthauptet. Man vermutet, dass die Taliban damit klar machen wollten, dass sie keine Frauen in der Regierung dulden. Auf den Wahlplakaten am Wegesrand lächelte uns aber schon wieder eine Kandidatin zu. Gut, dass sich nicht alle entmutigen lassen.

Vor zwei Tagen wurden an der Straße von Herat nach Karokh zwei Leichen von jungen Frauen ohne Kopf in Plastiktüten gefunden, die vor der Enthauptung noch vergewaltigt worden sind. Auch hier gibt es nur Gerüchte über die Motivation der Tat.

Da es außerdem Taliban-Straßensperren auf dem Weg von Herat nach Karokh gegeben hat, ist für uns natürlich der Plan hinfällig, Maurice (unser neuer skate-aid Aktivist) in Herat wohnen und nach Karokh zum Skateboardtraining pendeln zu lassen. Wir werden morgen nach Karokh fahren und je nach Situation vor Ort weiter entscheiden.

Während Zobair und Rupert die plötzliche Unmöglichkeit unseres Rückfluges kommenden Sonntag dann doch noch möglich gemacht haben (der Ramadan endet mit drei Feiertagen in Folge und der geplante Flieger von Herat nach Kabul fliegt am kommenden Sonntag nicht) erkundeten Maurice und ich die
Stadt und ich versuchte mit meinen mageren Erfahrungen Maurice etwas vom Leben in Herat zu zeigen.

Abends saßen wir dann in unserem Stammrestaurant zum Essen und sinnierten über die besten und sichersten Möglichkeiten unsere Ziele doch noch trotz der Verschärfung der Sicherheitslage erreichen zu können. Dabei klärte uns Zobair auf, dass wir auch spontan die beiden Eröffnungen (Schule in Damjoo und unser Skatepark in Karokh) wegen der Feiertage um einen Tag nach vorne verschieben müssen.

Das bedeutet morgen früh aufstehen, alles vorbereiten und einen anstrengenden Tag haben. Und das übrigens mit meiner Grippe, inkl. Extremhusten und allem was sonst noch dazu gehört. Habe heute gelesen, dass Steven eine Lungenentzündung hat. Die wird er doch wohl nicht von mir haben? Das würde ja bedeuten, dass ich auch mit so was rumlaufe. Das wär aber mal richtig Scheiße.

Ich geh jetzt besser mal ins Bett und schlaf mich aus. Morgen sieht alles wieder viel besser aus.

Euer Titus